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Immer wieder finde ich mich in Situationen wieder, die mein eigenes Denken und Fühlen auf den Kopf stellen. Und immer öfter wird mir klar wie sehr ich doch noch gefangen bin, in Abläufen, Vorurteilen und in einer gewissen Normalität.

Vor einigen Tagen war ich mit meinen drei Kindern unterwegs. Es war ein sehr anstrengender Vormittag. Ich war viel zu spät dran, die Kinder waren müde, haben ewig gebraucht bis ich sie endlich anziehen durfte und als ich bereits vom Hof gefahren war fiel mir ein, dass wir eine Getränkelieferung erhalten würden und ich musste zurück und die Kisten raus stellen. Beim raus bringen der Pferde wollte mein Jüngster immer nur auf meinem Arm sein. Kurz bevor alle Pferde draußen waren, fiel meine Kleine und schlug sich die Knie auf. Ich brachte viel Ruhe und Nerven dafür auf, meinen Kleinen nicht allein zu lassen, meine Größere zu trösten und die Pferde auf die Wiese zu bringen. Als ich endlich soweit war, wollten wir noch in den Baumarkt, um Materialien für unsere Matschküche im Garten zu kaufen.
Auf dem Weg holte ich meinen Ältesten ab, der sich anziehen sollte, bis ich wieder kam. Natürlich hatte er dies beim Spielen völlig vergessen und stand im Schlafanzug vor mir, während im Auto die Kleinen auf mich warteten.
Grrrrr…. Spätestens jetzt musste ich dann auch mal tief Luft holen und durchatmen. 1,2,3,4,5…. Gut, schnell anziehen und los.

 

Endlich im Baumarkt angekommen, rasten meine drei Lieblinge los. In drei verschiedene Richtungen versteht sich. „Passt bitte auf die Autos auf!“, „Wartet bitte, wir sind hier auf einem Parkplatz!“, waren die einzigen Sätze die ich noch hinterher rufen konnte.
Im Baumarkt waren die Kinder nun völlig drüber und ich war völlig genervt und müde. Die Kinder nahmen meine Gefühle auf und nun äußerten sich diese und die Kinder fingen an sich zu schubsen, Wettrennen mit Geschreie um den ersten Platz zu starten und auf alles drauf zu klettern, was sie fanden.

 

Als ich endlich (nicht) hatte, was ich wollte und wir die Kasse erreichten fing die Streiterei der drei wieder an. Ein Kind wollte unbedingt teures Süßzeug zum Trinken, die anderen beiden schubsten sich und stritten darum, wer als erstes an der Kasse stand. Puh… Meine Nerven…
Ich überzeugte die drei davon, sich beim Bäcker vorn etwas holen zu dürfen und bat um kurze Ruhe, um die Blumen zu bezahlen. Beim Bäcker angekommen fand mein Mini direkt einen Osterhasen, den er essen wollte. Ok. Auch meine Kleine fand innerhalb kurzer Zeit etwas. Die Verkäuferin war noch mit Brötchen schmieren beschäftigt und so hatte mein Großer, der zwischen dem was seine Schwester nahm und dem was sein Bruder wollte hin und her gerissen war, noch etwas Zeit zum nachdenken.
Als die Verkäuferin dann kam, entschied er sich für den Donut, den auch seine Schwester wollte. Gesagt, bestellt. Beim bezahlen fing er nun aber an zu weinen. „Nein, nein, Mama. Ich möchte den Hasen. Der Hase!“ Jetzt war ich durch. Genervt. Ehrlich mal, das kann doch wohl nicht wahr sein. Mein Limit war erreicht. Während viele Augen auf mich gerichtet waren und mein Großer (mit Gips am Arm) weinte, versuchte ich ihm zu erklären, dass er sich entschieden hatte und ich nun einen Donut für ihn gekauft habe. Ich schob ihn Richtung Ausgang, musste auf die Kleinen aufpassen (Parkplatz und so 😉 ) und diskutierte nun mit meinem sieben jährigen, der sich völlig aufgelöst nicht mehr beruhigen ließ. (Es gab beim Bäcker nur noch einen Hasen, weshalb er vermutlich noch mehr Bedenken hatte.) Ich atmete, versuchte, ruhig zu bleiben. Kaum möglich nach so einem Tag. Und es war erst mittags!
Ich ließ ihn weinend hinter mir her laufen, ich hatte keine Kraft mehr zu diskutieren. Ich wollte nur noch nach Hause. Während ich die Kleinen im Auto anschnallte und ihnen die Tüte vom Bäcker gab, dachte ich kurz nach.

Bedürfnis, was für ein Bedürfnis hat er, welches habe ich. Bleib ruhig. Er leidet. Irgendetwas passt gerade nicht für ihn. Ich liebe ihn und ich möchte, dass es ihm gut geht. Wie würde es mir gehen? Was würde ich mir von mir wünschen?

„Ok Noah, also hier hast du einen Euro, geh kurz wieder rein und kauf Dir den Hasen, ja?“
Er lief Richtung Eingang, kam zurück. „Mama, ich hab Angst allein.“ (Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!!!!!!)
„Ok Schatz, ich komme.“  ATMEN.
Ich bin mit ihm noch einmal rein, habe den Hasen gekauft und habe mit einem beruhigten und glücklichen Kind den Laden verlassen. Im Auto war endlich Ruhe, alle drei Kinder freuten sich über Ihren Donut oder Hasen und waren am essen. Ruhe. Himmlisch. Für 1 Euro!

 

Es ist im Alltag häufig so, dass es diese oder ähnliche Situationen gibt. Häufig, so geht es zumindest mir, bin ich kurz davor zu Explodieren. Da rutscht dann „Bedürfnisorientiert“ in weite Ferne. Es ist nicht immer leicht, sich in solchen Situationen sich selbst zu stellen. Und auch, wenn ich es in der beschriebenen Situation geschafft habe, so ist es noch immer nicht immer so. Aber aus jeder Situation, die ich so meistere, nehme ich unendlich viel mit. Ich lerne aus diesen Situationen mehr als irgendwo anders. Ich lerne, auf meine Bedürfnisse zu hören, mich meinen Ängsten zu stellen und über meine Gewohnheiten hinweg zu handeln.
Wäre ich das Kind in dieser Situation gewesen, so hätte ich von meinen Eltern solche Sätze wie „Du wolltest es so und jetzt fertig“, „Dann hast du jetzt Pech“,  „Gut, dann gibt es eben gar nichts“ oder „Sei dankbar für das, was du bekommst, andere Kinder in anderen Ländern müssen hungern“.
Kennst du es? Oh ich kenne es nur zu gut und ich wusste bereits als Kind, dass ich so niemals sein möchte. Und trotzdem biss ich mir am Auto auf die Zunge, da der Satz „Sei dankbar für das, was Du hast“ in meinen Kopf schoss. Jetzt wurde mir klar, dass ich mein Handeln überdenken sollte.
Was hatte ich zu verlieren? 1 Euro! Es ging um einen Euro!

Es war ein anstrengender Tag. Unruhig und stressig. Es lief einfach nicht rund. Solche Tage gibt es überall. Wichtig ist, sich darauf einzulassen und dann einfach mal einen Gang zurück zu schalten. Ich war so darauf eingestellt, meine Erledigungen zu machen, dass mich alles, was dabei störte, Stress auslöste.

Im Nachhinein weiß ich, dass ich zum Schluss richtig gehandelt hatte. Ich hätte schon viel eher meine Pläne ändern sollen. Die Kinder hatten wohl schon Hunger, ich war sowieso müde und der Tag war bis vor der Zeit im Baumarkt eigentlich schon genug. Es passiert mir nicht nochmal, dass ich mit hungrigen und etwas müden Kindern Einkaufen gehe. Ich habe gelernt, mal wieder, umzudenken. Mich auf meine Kinder einzulassen und dabei auch spontan zu bleiben.
Ich habe mir Noah in aller Ruhe nochmal gesprochen und wir haben die Situation Revue passieren lassen. Ich habe Noah erklären können, warum ich mich so fühlte und was mich ärgerte. Er war ganz toll und hat es gut verstanden.

 

Wenn man ein Kind wie Noah hat, dann ist der Alltag einfach anders. Noah ist hochsensibel, aber trotzdem ein absoluter Anführer. Er ist extrem charakterstark und jede Situation, die sich ihm zu seinem Vorteil bietet, nutzt er auch.  Noah strahlt oft Sicherheit aus, obwohl er extrem unsicher ist. Er spielt sich oft auf, vor allem vor seinen Geschwistern und anderen Kindern. Er will immer besser sein als andere, stärker und schneller. Oft verliert er bestimmte Grenzen aus den Augen und er benötigt meine Hilfe, damit umzugehen. Wenn man als cochsensibler Mensch auch noch so charakterstark ist, dann fordert es einen wirklich heraus.
Meine Antwort auf sein Verhalten ist Liebe. Immer wieder. Aber dabei  lerne ich jeden Tag, meine Strukturen und anerzogene Ansichten niederzulegen. Ich versuche eine auf Liebe und Vertrauen basierende Beziehung zu ihm aufzubauen. Nach und nach wird es auch besser. Es gibt immer wieder Situationen, in denen es scheint, als würde alles falsch laufen.

Ich war ganz genau so als Kind und wurde nie verstanden. Umso besser verstehe ich Noah heute. Aber auch meine Mutter. Sie hatte nicht dieselben Möglichkeiten wie ich, sich zu informieren, wenn man ein solches Kind hat. Ein Kind, das das eine sagt, aber was völlig anderes meint. Ein Kind, das nicht schlagen will, es aber tut. Ein Kind, das mit sich selbst schon völlig überfordert ist.  Das ist eine besondere Herausforderung. Aber es lohnt sich, sich dieser Herausforderung zu stellen und sich immer wieder bewusst zu machen, dass mein Kind nicht „falsch“ oder „anders“ ist. Es passt vielleicht nicht in ein System, aber es ist völlig normal. Vielleicht sogar normaler als ein Kind, das sich sofort an ein System anpasst.

Kennst Du solche Situationen? Hast Du auch ein charakterstarkes Kind? Ich freue mich sehr über Deine Meinung. Hinterlasse mir doch einen Kommentar oder schreib mir eine Email.

Alles Liebe
Sarah

Autorin: Sarah

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