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Wenn ich erzähle, dass ich unsere Kinder nicht erziehe, werde ich meistens verwirrt angeschaut. Vor allem von Menschen, die uns kennen (und vielleicht vorher bewundernd festgestellt haben, wie “gut erzogen”, “lieb” oder gar “brav” die Kinder seien). Und dann fragen sie “Ja, wie? Nicht erziehen? Das geht doch gar nicht!?”
Gut, ich gebe zu, das werde ich in der Regel vor allem im Leben 2.0 – im Internet – gefragt. Im wirklichen Leben werde ich höchstens verwirrt angeschaut – oder mein “Nö, die sind gar nicht erzogen!” wird schlichtweg überhört. 😉

Da ich nun aber weiß, dass “nicht erziehen” ein wirklich spannendes, aber auch sehr missverstandenes Thema ist – und weil der/die Ein oder Andere mich darum gebeten hat (und nicht zuletzt, weil unser Blog sich “Unerzogen” auf die Fahnen geschrieben hat [das waren jetzt genug Nebensätze, meinst Du nicht?]) – will ich einmal versuchen, Dir zu erklären, was Unerzogen (für mich) ist.

Das größte Problem, wenn wir von Erziehung sprechen, ist, denke ich, die Definition, die wir davon haben. Moderne Erziehung beinhaltet nämlich (mehr oder weniger) viele unerzogene Elemente. Von der sogenannten “Schwarzen Pädagogik sind wir glücklicherweise (größtenteils) wieder abgekommen. Deswegen ist das, was sich viele Menschen vorstellen, wenn sie zum ersten Mal das Wort “Unerzogen” hören, vermutlich ziemlich weit weg davon, was Unerzogen tatsächlich ist.

Der entscheidende Unterschied zwischen Erziehung und Unerzogen ist meiner Meinung nach, dass Erziehung eben Erziehung ist: ein zielgerichtetes Konzept angewendet auf Kinder (und oft auch, wenngleich nicht so offensichtlich, Erwachsene, aber das ist ein anderes Thema!); während Unerzogen sich nicht nur auf mein Verhalten gegenüber meinen Kindern auswirkt, eben kein Konzept ist, sondern mein ganzes Leben betrifft, jede einzelne Beziehung, einschließlich der Beziehung zu mir. (In diesem Beitrag möchte ich dennoch erst einmal auf die Beziehung zu meinen Kindern eingehen. Ich verspreche Dir, dass ich zur ganzheitlichen Bedeutung von Unerzogen an anderer Stelle erzählen werde!)

Erziehung sieht das Gegenüber (i.d.R. das Kind) als Objekt, das nach dem Willen des Erziehenden geformt werden soll. Erziehung verfolgt das Ziel, aus einem Kind “etwas zu machen”, nimmt das Kind z.B. als “noch nicht fertigen” Erwachsenen wahr. Aus einem Kind einen (im “besten” Fall) “guten” (freundlichen, höflichen, klugen, disziplinierten, gehorsamen, was immer Du für erstrebenswert hältst!) Erwachsenen zu machen, ihm beizubringen, was gut und schlecht, richtig und falsch ist, ist Ziel von Erziehung.

Nun wirst Du berechtigterweise fragen: “Ja, aber Tina, moment mal! Willst du etwa nicht, dass deine Kinder mal freundlich werden und höflich? Dass du stolz auf sie sein kannst und sagen kannst ‘Siehst du den da? Das ist mein Sohn!’”
Doch, will ich natürlich. Und nein, will ich nicht. Verwirrend, nicht wahr?

Der Unterschied ist: ich verfolge kein Ziel. Klar wünsche ich mir, dass aus meinen Kindern “gute” Menschen werden (ich nutze bewusst Anführungszeichen, weil “gut” für mich eine so starke Wertung enthält – in Abgrenzung zu “schlecht” oder “böse” – dass ich nicht ganz glücklich mit der Wortwahl bin, mir aber, trotzdem ich seit einer gefühlten Ewigkeit darüber nachdenke, bisher kein passenderes Wort eingefallen ist). Oder vielleicht: dass sie “gute” Menschen bleiben.

Denn meine Kinder sind keine unfertigen Erwachsenen. Sie sind ganz und gar “fertige” Kinder, ganz und gar Menschen. Ich will sie nicht zu etwas machen, ich will, dass sie sein können, wer sie sind, wer sie sein wollen. Wenn sie sich entscheiden, als Arschloch durchs Leben gehen zu wollen, kann ich ihnen sagen, dass ich das blöd finde, aber schlussendlich ist es ihre Entscheidung. Ich will auf Augenhöhe mit ihnen kommunizieren, will ihnen meine Wertvorstellungen mitteilen, aber nicht aufzwingen. Ich bin der Überzeugung, dass kein Lebewesen “falsch” geboren wird, “böse” oder “schlecht”. Ebenso sehr bin ich auch davon überzeugt, dass niemand “perfekt” ist (wieder so ein Wort, dass ich tagelang zerdacht habe, ich kann Dir sagen, manchmal wünschte ich, ich könnte mit Gefühlen und Überzeugungen kommunizieren, statt mit Worten!).

Das ist aber auch gar nicht wichtig. Richtig, falsch, gut, böse. Gestern, Morgen. Was für mich zählt ist das Heute, das Jetzt, das Sein.

Nicht zu erziehen bedeutet für mich nicht, die Kinder sich selbst zu überlassen, ganz im Gegenteil. Meine Kinder zu begleiten, sie zu schützen, wenn es nötig ist (gerne wird ja als Argument angeführt, ob ich denn meine Kinder auf die Straße vor ein Auto rennen lasse!), für sie da zu sein, mich ihnen zu zeigen, mit ihnen die Welt zu entdecken, ihnen meine Welt zu erklären, ist ganz grundlegend für mich. Was sie aber daraus machen, ist eben letztlich ihre Entscheidung.

Kannst Du mir folgen? Hast Du eine (zumindest vage) Vorstellung davon, was Unerzogen ist? Oder bist Du noch verwirrter?

Ihre Entscheidung… Aber Moment mal! So einfach ist das doch nicht! Es gibt doch Regeln, an die man sich halten muss, Grenzen, die man nicht überschreiten darf! Was ist denn damit? Wenn ich nicht erziehe und meine Kinder sich nicht an Regeln halten müssen, wie sollen sie das denn lernen?

Gute Frage! Und wieder im Grunde ein Missverständnis. Klar gibt es Regeln, klar gibt es Grenzen.

Ich habe meine Grenzen und die zeige ich meinen Kindern auch. Und meine Kinder haben Grenzen und zeigen sie ebenso. Das ganz Entscheidende ist hierbei: ich wahre die Grenzen meiner Kinder. Immer. Und wenn ich sie nicht wahren kann (weil sie sonst, um bei dem Beispiel zu bleiben, vors Auto flitzen, wenn ich sie nicht festhalte), kommuniziere ich das, erkläre, lasse den Frust und die Wut über meine Grenzüberschreitung zu und begleite sie – statt kommentarlos mein Ding durchzuziehen, weil ich eben die Erwachsene bin und die Macht dazu habe oder weil ich es besser zu wissen meine oder “weil man das eben so macht!”.

Das Zweite ist: meine Grenzen sind flexibler als die der Kinder. Ich habe viel mehr Lebenserfahrung als sie, hatte viel mehr Zeit zu lernen. Ich halte aus, wenn sie meine Grenzen noch nicht wahren können. Und auch hier rede ich mit ihnen, erkläre, dass meine Grenze Überschritten wurde. Ich wehre mich. Deutlich. Vehement. Ich streite. Eben je nach Situation. Aber ich bin nicht nachtragend. Oder gar rachsüchtig. Ich erwarte nicht von ihnen, dass sie meine Grenzen wahren! Ich weiß aber (denn ich merke es ja mit jedem Tag, der vergeht), dass sie es von sich aus lernen. Dass sie von sich aus Rücksicht nehmen, in eben jenem Maße, in welchem es ihnen möglich ist.

Was Regeln und Gesetze angeht: dass es die gibt und dass man sich an sie halten sollte (nicht “muss” im Übrigen, ich kann ja durchaus gegen Regeln und Gesetze verstoßen, muss dann aber mit den Konsequenzen klar kommen 😉 ), bekommen meine Kinder selbstverständlich mit, wir halten sie ja nicht im Keller gefangen. Sie leben ja in unserer Gesellschaft und sehen, dass eben gewisse Voraussetzungen erfüllt werden müssen, um zu dieser Gesellschaft zu gehören. Welche Regeln und Gesetze für sie nun relevant sind – mit welchen Konsequenzen sie bei Regelverstoß umgehen können – liegt aber wieder bei ihnen. Ich lebe ihnen vor, was mir wichtig ist, an anderen Menschen sehen sie, dass es nicht jeder so macht, wie ich es tue. Und all das nehmen sie mit und entscheiden wieder selbst, was passt und was nicht.

Und wenn ich sage, dass wir keine Regeln haben, an die sich die Kinder halten müssen, ist ja auch wieder die Frage, wie Regeln definiert sind. Ich will nicht, dass die Kinder am Fernseher rumtatschen und -spielen. Weil ich Sorge habe, dass sie sich weh tun oder dass etwas kaputt geht. Auch, weil ich weiß, dass es meinem Mann wichtig ist. Insofern könnte man wohl sagen, dass das eine “Regel” ist: nicht am Fernseher tatschen. Aber: ich muss das nicht bestrafen, wenn sie es doch tun, oder belohnen, wenn sie es nicht tun. Ich erkläre es, ich zeige ihnen, dass es mir wichtig ist. Ein Mal, zwei Mal, zehn Mal, hundert Mal. Ich versuche zu verstehen, warum sie es machen. Biete Alternativen an. Ich weiß, wie ungemein schwierig es ist, Impulse zu kontrollieren! Ich mache mir das immer und immer wieder bewusst. Es ist eine ungeheure Leistung, wenn mein Kind eigentlich den Fernseher antatschen will und es dann aber nicht tut. Mach Dir das mal bewusst! Du willst, willst, willst unbedingt etwas tun und verzichtest darauf. Blende aus, dass es (für Dich) eine völlig banale Sache ist – für ein Kind ist das vielleicht tatsächlich gerade der Mittelpunkt seiner Welt. Und nein, ich übertreibe nicht, ich meine das ganz ernst!

Ich sage: “Ich erziehe nicht!”
Und ich weiß, dass ich dann von Menschen, die auch nicht erziehen, verstanden werde.
Friedrich Fröbel sagt(e): “Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts!”
So betrachtet könnte ich auch sagen: “Ich erziehe liebevoll! Ich erziehe frei! Ich erziehe achtsam!”
Wie ich es auch nenne: Missverstanden werde ich vermutlich so oder so – oder, um es mit Hermann Hesse zu sagen: „Wenn man darüber redet, wird auch das Einfachste gleich kompliziert und unverständlich!“

Vielleicht konnte ich einige Deiner Verwirrungen entwirren, vielleicht habe ich nur alles noch komplizierter gemacht. Lass uns drüber reden! Und erzähle mir, was Du noch erfahren willst!

Bis dahin:
Danke für Dein Interesse und Deine Aufmerksamkeit,
hab noch einen schönen Tag und sei lieb gegrüßt,

Deine Tina

Hier siehst du Tina.

Autorin: Tina

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