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Letzte Woche hat Tina Dir in ihrem wunderbaren Artikel Schulfreies Leben und Lernen in Deutschland vorgestellt. Es ist ein sehr wichtiges Thema, das immer mehr Beachtung bekommt und diese auch dringend benötigt.

Wie Tina schon schreibt, ist es für viele Eltern (und auch andere) hier in Deutschland kaum vorstellbar, seine Kinder ohne Schule aufwachsen zu sehen. Schule gehört eben dazu, sie muss sein und immerhin sind wir da ja alle bereits durch. Einige sehr positiv, andere mit gemischten Gefühlen und für einige (oder sogar viele) war die Schule die Hölle.
Unabhängig davon, wie Du Schule erlebt hast, möchte ich Dich heute an meiner persönlichen Erfahrung (bis jetzt) und meinen persönlichen Gründen teilhaben lassen, warum meine Kinder nicht in die Schule gehen müssen.
Wenn Du unsere Kindergartenfrei Geschichte noch nicht kennst, dann kannst Du diese hier nachlesen.

So, wie ich auf die „harte Tour“ lernen musste, auf meine Gefühle und Instinkte meinen Kindern gegenüber besser zu hören, so muss ich nun gerade lernen, diese zuzulassen und für meine Kinder, mehr denn je, einzustehen. Meine Tochter, sie wird im Juli 6, wird in diesem Jahr „schulpflichtig“. Sie erreicht ein Alter, für das der Staat festgelegt hat, dass sie ab nun „Bildung“ benötigt. Bildung, die in Deutschland durch die Schule umgesetzt werden soll. Damit verbunden ist die „Gebäudeanwesenheitspflicht“ an einer dieser vom Staat eingerichteten Schulen. Der Unterricht und die damit verbundene Betreuung fällt in die Hände der vom Staat angestellten Menschen, der Lehrer. Diese setzten ihre Vorschriften laut Lehrplan um und unterrichten nach Büchern.
Wir alle kennen es und wir alle erlebten es.

Ich muss gestehen, Freilernen (bedeutet, dass Kinder „frei“ lernen ohne Anleitung oder Vorlagen, im Alltag und von ganz allein) oder Homeschooling  (bedeutet, dass Kinder zuhause von den Eltern unterrichtet werden) ist für mich sogar noch relativ neu.
Bis vor kurzen noch glaubte ich, dass Schule zum Leben gehört und ein „Muss“ ist. Ist eben so. Doch als ich auf dem Weg war, „alternative“ Wege zu suchen, nicht nur zur Schule, sondern vor allem und in erster Linie zu Kindergartenfrei, bin ich auf Freilernen gestoßen und auch wenn vieles noch neu ist und ungewöhnlich, so ist es doch Interessant und weckte in mir sofort meinen Ursprung. Mein tiefes Inneres, etwas natürliches und ich wusste das mehr dahinter steckt. Nach und nach habe ich mich nun in die Materie eingearbeitet (und bin noch dabei) und suche Wege für meine Kinder und mich.

Der erste Weg war, meine Tochter, die noch immer unter dem traumatischen Erlebnis in der Kita leidet, dieses Jahr noch nicht zur Schule zu schicken. Trotz Schulpflicht trafen wir die Entscheidung, dass sie dieses Jahr noch nicht zur Schule gehen muss. Man hat die Möglichkeit eine so genannte Rückstellung zu beantragen. Da ich aber wusste, dass vor allem unser Bundesland (NRW) kaum eine Rückstellung genehmigt, habe ich dies gar nicht beantragt. Wir haben einfach, von vorn herein, mit der Psychologin ausgemacht, meine Tochter krankzuschreiben.
Allerdings wurden wir überrascht, denn die „Schulärztin“, bei der wir zur „Einschulungsuntersuchung“ waren, bestätigte uns, dass meine Tochter nicht schulfähig ist. Sie schlug die Rückstellung vor und sogar den Unterricht zuhause. Toll! Damit hätte ich nie gerechnet.
Gleich nach dem Gespräch, und ich gebe zu, sehr beflügelt davon, suchten wir die Schulleiterin auf und vereinbarten einen Termin.

Zum Termin bei ihr nahm ich noch ein ärztliches Attest von unserer Psychologin mit und ging davon aus, dass sie unser Vorhaben unterstützen würde. Bis zu diesem Zeitpunkt glaubte ich, dass der Weg vielleicht doch leichter ist als gedacht.

Allerdings kam es bei der Schulleiterin anders, als ich dachte. Diese machte uns sofort klar, dass eine Rückstellung nicht so einfach ist. Sie stellte uns vor die Wahl: Entweder eine sofortige Eingliederung in eine Kita, mit regelmäßigen detaillierten Berichten von der Kita an sie, oder aber Schulpflicht. Ich verneinte den Kindergarten sofort, denn genau dort begann ja unser Dilemma.  Sie stellte mich erneut und mit Nachdruck vor die Wahl: „Dann stelle ich Ihre Tochter nicht zurück“. Und wenn ich eins inzwischen weiß, dann, dass solche Einrichtungen, Ämter und ähnliches immer erst mal mit Druck (und Ängsten) arbeiten, um zu sehen wie weit man selber geht oder ob man sich einschüchtern lässt. In meinem Fall ist es so, dass ich nun inzwischen gelernt habe, mich durch zu setzen und bereit bin, für meine Kinder so gut wie alles in Kauf zu nehmen. Also verneinte ich wieder und fragte sie, auf welcher gesetzlichen Grundlage sie diese Aufforderung gegen mich stellt. Denn eine Kindergartenpflicht gibt es nicht. Sie erklärte mir, sie würde sich an die „Vorschriften des Schulamts“ halten. Ohne Blick auf die einzelne Situation entschied sie also über die Köpfe der Ärzte, meine Tochter soll in eine Kita gehen, oder sie würde sie unter die Schulpflicht stellen.

Wir verblieben mit meinem „NEIN“ zu beiden Varianten und ich sagte ihr mit Nachdruck, dass ich jederzeit bereit bin, den rechtlichen Weg zu gehen. Denn wenn ich mir eins nicht machen lasse, dann Angst.

So taff sich das nun alles liest, so einfach ist es leider nicht. Denn körperlich, psychisch und seelisch kämpfen wir natürlich mit dieser Belastung. Freunden und Bekannten gegenüber können wir das eine Jahr schulfrei noch gut verpacken, denn die Schwierigkeiten meiner Tochter sind deutlich. Zum Thema „Schulfrei“ oder „Freilernen“ bekommen wir aber sofort sehr scharfe Kritik. Warum? Weil es unbekannt ist, weil viele nicht umdenken oder gar nachdenken wollen.  Weil viele Angst davor haben, umzudenken, denn sie müssten erkennen, dass es für einen selbst eben sogar der deutlich anstrengendere Weg ist. Sich zu beugen und sein Kind in eine Schule zu geben, ist der einfache Weg. Der „normale“. Dabei empfinde ich es inzwischen als „unnormal“ und „unnatürlich“, den eignen Blick derart von seinen Kindern zu nehmen. Versteh mich nicht falsch, wenn Dein Kind gern zur Schule geht, und Spaß daran hat, dann ist es vollkommen in Ordnung. So sollte Schule ja auch sein. Aber, mehr und mehr wird öffentlich, wie viele Kinder unter der Schule leiden. Sie werden in ein System gesteckt, sollen nach Abläufen festgelegte Dinge erlernen und davon mal ganz abgesehen, erwartet man, dass Kinder die Abläufe der Schule und das drum herum selbstständig bewältigen. Puh. Ich finde, dass schaffen viele Erwachsene nicht, mich eingeschlossen. Ich konnte noch nie mit Hierarchien umgehen, mit festen Strukturen und festgelegten Tagesabläufen. Ich habe immer am besten gelernt, wenn ich mich für etwas besonders interessiere und frei entscheiden kann, wann und wie ich mich zu diesem Thema dann bilde.

Mein großer Sohn geht derzeit in die zweite Klasse einer gesetzlichen Grundschule (Ist aber aktuell zu Hause). Wir haben bereits, durch unseren Umzug, einen Schulwechsel hinter uns. Die erste Schule die mein Sohn besuchte, war eine kleine, ländliche Grundschule und wir waren wirklich nach ein paar Wochen entsetzt oder enttäuscht (Ent-täuscht, also die Täuschung der Schule hatte keinen Einfluss mehr auf mich), denn dort waren Gewalt unter den Schülern (bereits in der ersten Klasse) und das passive Verhalten der Lehrer dazu Alltag.  Unser Sohn wollte bereits nach einigen Wochen nicht mehr gehen und schon damals ließ ich ihn dann krankschreiben.

 

Im Augenblick halten wir es so, dass mein Sohn gehen kann, wenn er will, er muss aber nicht. Vielleicht fragst Du dich jetzt, wie mein Sohn dann lernt, sich unterzuordnen, sich an Regeln zu halten, Lesen und Schreiben lernt, Mathe versteht, soziale Kontakte pflegt oder sich insgesamt bildet.

All diese Fragen machen den meisten Menschen, die noch nicht so viel (oder gar nicht) darüber nachgedacht haben, Angst. (Irgendwie komme ich immer wieder zum Thema Angst, scheint einen eigenen Artikel wert zu sein. 😉 )
Es ist ganz einfach:

Nehmen wir als Beispiel das Einkaufen (ein toller Ort zum Lernen):
Meine Kinder lernen jeden Tag, von allem. Bei Einkaufen in unserem Fall hier rechnen wir den Einkauf aus, wie viel Geld wir der Kassiererin geben müssen und was wir zurück bekommen. (In der Schule lernen Kinder es in den Klassenzimmern mit Spielgeld (Matheunterricht 2.Klasse).
Wir lesen die Informationsschildchen zu verschiedenem, oder uns noch unbekanntem neuem Obst, wir schauen nach Herkunft, Gewicht und vergleichen die Preise. Daran hat sogar meine Tochter richtig Spaß. Zuhause begleitet uns der TipToi Globus, an dem wir dann sehen können, woher welches Obst kommt, was für Tiere es dort gibt und wie weit die Reise für das Obst war (Erdkundeunterricht).

Auf dem Weg zum Einkaufen lernen wir die Schilder der Straßen lernen, entdecken die Müllabfuhr („Wohin kommt der ganze Müll, Mama?“) und demnächst besuchen wir die Feuerwache. Mein Jüngster hat gerade die Feuerwehr für sich entdeckt und da wir hier den Einsatz von Notarzt und Krankenwagen für den Ältesten benötigten, folgen wir der Einladung der tollen Feuerwehrmänner und besuchen nun, ganz aufgeregt, bald die Feuerwehr. So lernen wir immer wieder neue Menschen kennen, den „Müllmann“, die Feuerwehrmänner, Ärzte und das Krankenhaus (in unserem Fall), einen neuen Park mit neuem Spielplatz (Sportunterricht) und die Natur entdecken wir jeden Tag in Wald und Feld.

Der Unterschied zur Schule ist, dass meine Kinder hier wirklich fürs Leben lernen, interessiert, freiwillig und entdeckerisch. Sie schauen sich keine Blätter und Baumrinden in einem Klassenzimmer zur Bestimmung an. Sie spielen nicht im Klassenzimmer mit Spielgeld und rechnen mit langweiligen Büchern den Einkauf anderer aus. Sie lernen Obst nicht anhand von Papierzetteln oder Büchern kennen, sondern können es anfassen, schneiden und probieren.

Freilernen bedeutet für mich nicht nur, dass meine Kinder sich frei bilden, sondern bedeutet für mich ein ganz anderes Leben. Es bereichert uns als Familie, schenkt uns gemeinsame Zeit, gemeinsame Gedanken und gemeinsame Fragen zum Leben.
Ich verstehe nicht ganz, warum ich meine Kinder dazu in ein Gebäude und in eine Fremdbetreuung geben muss, und meine Kinder verstehen dies auch nicht.

Versteh mich nicht falsch, es ist toll, dass der Staat uns Schulen baut und uns die Möglichkeit auf Bildung für unsere Kinder gibt. Danke. Aber es ist und sollte eine Möglichkeit sein und bleiben. Keine Pflicht. Und für die, die sich dann dagegen entscheiden, sollte es möglich sein in unserem Land, frei zu leben. Und dafür stehe ich. Für ein freies Leben: Für Kind, Mensch und Tier in Deutschland!

Über unseren Weg zu Schulfrei und zur Rückstellung unserer Tochter werde ich Dich auf dem Laufenden halten und demnächst den nächsten Teil schreiben.
Alles liebe
Sarah

Autorin: Sarah

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