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Unbeschult aufzuwachsen ist für viele in Deutschland etwas Unvorstellbares. Wusstest Du, dass wir in nahezu jedem Land in Europa die Wahl haben, ob die Kinder zur Schule gehen oder ohne Schule lernen? In einigen Ländern ist dieses Wahlrecht sogar verfassungsmäßig geschützt – beispielsweise in England oder Irland.

In Deutschland hingehen gilt eine strikte Schulbesuchspflicht. (Wohingegen die “Schul”pflicht anderer Länder nicht an ein [Schul-]Gebäude gebunden ist! Ich denke, diesem Unterschied ist es auch geschuldet, dass wir, wenn wir von Schulpflicht in anderen Ländern hören, automatisch davon ausgehen, dass diese gleichzusetzen ist mit unserer Schul(gebäude)pflicht, obwohl sie tatstächlich eine Bildungspflicht ist – jedes Kind muss Zugang zu Bildung erhalten; diese kann aber ebensogut ohne Schulbesuch gesichert sein!) Wir haben spezielle, staatlich überwachte Einrichtungen, die sich “Schule” nennen dürfen – und nur in diesen ist die Erfüllung der Schulpflicht gestattet. Ein Kind, das kein solches staatlich abgesegnetes Schulgebäude besucht, verweigert sich (dem Gesetz nach) der deutschen Schulpflicht – auch, wenn es sich eigenständig bildet und/oder von Eltern/Verwandten/Bekannten unterrichtet wird.

Der Große springt eine kleine Mauer hoch.

Der Gedanke dahinter ist durchaus verständlich und lobenswert: Jedes Kind soll die gleichen Chancen haben. Jedem Kind soll eine gute (Schul-)Bildung zuteil werden. Und deswegen wird die Schulpflicht als große Errungenschaft gefeiert, die es zu schützen gilt. Ich sage gleich: ich stimme dem teilweise zu. Allerdings muss man es meiner Meinung nach differenzierter sehen. Ich bin absolut dafür, dass das Recht auf Bildung eines jeden Menschen geschützt werden muss – eben, dass die Schulpflicht als Bildungsrecht verstanden wird, als Pflicht der Eltern und des Staates, Bildung für jedes Kind (und eben jeden Menschen, denn Lernen kann man jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde, sein ganzes Leben lang!) zu gewährleisten. Ich will auch keinesfalls, dass Schulen abgeschafft werden! Vielmehr wünsche ich mir Vielfalt, die Wahl, zur Schule zu gehen und sich unterrichten zu lassen, oder eben nicht zur Schule zu gehen und sich selbst zu bilden. Oder eine Mischung aus beidem. Schulfreies Leben bietet ja unheimlich viele Möglichkeiten, gerade in Zeiten des Internets, der Videotelefonie, der globalen Vernetzung. Ich kenne viele, die in der Schule wirklich gut aufgehoben sind/waren – aber eben mindestens genauso viele, denen Schule nicht gerecht wird. Ich bin selbst durch und durch autodidaktisch veranlagt und sehe auch an meinen Kindern, dass ich ihnen nichts beibringen muss – sie lernen von sich aus, interessengeleitet und (natürlich) mit meiner Unterstützung, aber ohne meine Anleitung.

Obwohl wahrscheinlich noch viel Arbeit nötig ist, bis die deutsche Schulpflicht gelockert oder sogar aufgehoben wird, hat sich in den vergangenen Jahren bereits viel getan. Die Themen “Schulfrei”, “Homeschooling” und “Freilernen” haben selbst in den großen Medien Einzug erhalten – und die Berichterstattung ist mehr und mehr positiv und wohlwollend.
Wenn Du schon ein wenig auf dem Blog gestöbert hast, weißt du, dass ich in drei Vereinen zum Thema Bildungsfreiheit Mitglied mit.

Der erste ist die Freilerner-Solidargemeinschaft e.V.
Diese bietet betroffenen Familien Unterstützung, auch finanzieller Art (um bspw. Bußgelder wegen Schulverweigerung zu bezahlen), sie informiert und berät, organisiert Veranstaltungen und vieles mehr. Neben einer Mitgliedschaft im Verein kannst Du dort auch eine allgemeine Spende leisten oder Dich an konkreten Aktionen für eine bestimmte Familien beteiligen.

Der zweite Verein ist der BVNL (Lernen ist Leben! Bundesverband Natürlich Lernen! e.V.)
Dieser engagiert sich für eine Umwandlung der deutschen Schulpflicht in ein Recht auf Bildung, wie ich es weiter oben auch schon erläutert habe. Auch der BVNL unterstützt und berät Familien, organisiert Treffen und Veranstaltungen. Kürzlich wurden neue Postkarten erstellt, um den Wunsch nach Bildungsfreiheit weiter verbreiten zu können.

(Als eingetragener Verein) Noch relativ jung ist die Schulfrei Bewegung e.V.
Hier bin ich von Anfang an Mitglied und auch am aktivsten beteiligt. Gerade wird an einem Infoflyer und auch an einem Infofilm gearbeitet, es gibt mehr und mehr regionale Facebookgruppen, außerdem auch eine aktive Vereinsgruppe und verschiedene Arbeitsgruppen. Einige Mitglieder leben schon schulfrei, andere sind gerade auf dem Weg dahin, wieder andere (so wie ich) haben noch jüngere Kinder, für die sie sich Veränderung wünschen.

Wenngleich das Ziel aller Vereine im großen und ganzen das gleiche ist, sind alle etwas unterschiedlich organisiert und aufgestellt. Ich bin bewusst in allen dreien Mitglied, Du schaust dir am besten die Konzepte und Satzungen an und entscheidest dann selbst, mit welchem/-n Verein/en Du dich am ehesten identifizieren kannst.

Eine Mitgliedschaft ist aber in jedem Fall eine gute Sache. Denn nur wenn wir viele sind, die sich trauen zu sagen, dass wir es uns besser wünschen, können wir auch etwas erreichen. Ich weiß, dass viele Menschen unzufrieden sind mit dem deutschen Bildungssystem – viel mehr als Du vielleicht denkst! Und es ist absolut legitim, das auch laut zu sagen.

Übrigens bin ich überzeugt davon, dass mit der Aufhebung der Schul(gebäudeanwesenheits)pflicht auch die Schulen besser werden können. Wenn das schulfreie Lernen als “Schule” im Sinne der Schulpflicht anerkannt wird, haben ja auch die Schulen (nach aktuellem Gesetz) viel mehr Möglichkeiten. Gerade die sogenannten “Freien Schulen” sind bisher ja nur bedingt frei in ihren Angeboten – denn am Ende des Schuljahres haben auch sie Auflagen zu erfüllen, Leistungen abzuliefern, um den Status einer Schule nicht aberkannt zu bekommen.
Was ich sagen will: selbst wenn Du Dir ein gänzlich schulfreies Leben nicht vorstellen kannst oder dir eher eine Änderung in den Schulen wünschst, ist es sinnvoll, einen Schritt weiter zu denken und sich für Bildungsvielfalt auch ohne Schule zu engagieren. Überleg nur mal, wie viele Schulreformen wir in den vergangen Jahren und Jahrzehnten hatten, die relativ wenig Erfolge und Veränderungen gebracht haben. Wie viel größer wären da die Möglichkeiten, wenn wir das Bildungssystem als Ganzes betrachten und verändern, anstatt “nur” innerhalb der Schulen zu strampeln!?

Die Kleine schaut in die Kamera.

Du liest es vermutlich aus meinen Zeilen heraus: Das Thema liegt mir SEHR am Herzen.
Wie bereits in meinem Artikel zu unserer Entscheidung, kindergartenfrei zu leben erwähnt, habe ich gar nichts gegen Institutionen wie Schulen oder Kindergärten, ich weiß aber, dass es viel viel mehr wunderbare Möglichkeiten in unserem Leben gibt, glücklich und erfolgreich zu leben und zu lernen. Ich weiß auch, dass diese, unsere gewählten Möglichkeiten nicht für jeden das Richtige sind – so wie eben für mich Kindergarten und Schule nicht das Richtige sind. Und – auch das sagte ich schon einmal – ich will, dass meine Kinder selbst wählen und entscheiden können. Wenn sie in die Schule wollen, gerne hingehen, lernen und Freude dort haben: wunderbar! Ich muss mir und uns den Stress, gegen Gesetze zu verstoßen, die Schule zu verweigern, nun wirklich nicht antun, so unsinnig ich das strikte Festhalten an einem Gebäude als alleingültige Bildungsmöglichkeit auch finde. Doch das Wohl meiner Kinder steht an erster Stelle.

Wir haben glücklicherweise noch etwa zweieinhalb Jahre Zeit, bis der Große schulpflichtig wird. Ich weiß, dass sich in dieser Zeit vieles ändern kann und wird, privat für uns, aber auch politisch. Und ich werde mich, so gut ich es kann, für meinen Traum von Bildungsvielfalt – ob mit oder ohne Schule – einsetzen.

Ich freue mich sehr darauf, Deine Meinung zum Thema “schulfreies Lernen” zu hören.
Bis bald und liebe Grüße,

Deine Tina

Hier siehst du Tina.

Autorin: Tina

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