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Heute möchte ich Euch mal von meinem großen Kleinen erzählen. Noah hat eine ebenso spannende Geschichte wie ich, er ist ein absolutes Wunder.
Nachdem mir mehrere Ärzte bestätigten, dass ich niemals Kinder bekommen könnte, war ich am Boden zerstört. Umso größer und wunderbarer war es, als ich den kleinen Noah in meinem Bauch hatte.

Die eine Seite der Münze

Noah war, die ersten Wochen, ein absolut liebes Kind. Er hat von Anfang an durchgeschlafen, war sehr zufrieden und einfach alles schien für ihn und uns zu stimmen. Ich muss allerdings auch gestehen, er hat von Anfang an in unserem Bett geschlafen, wurde getragen; rundum von seinem Papa und mir geliebt. Wir waren über dieses Wunder so erstaunt, dass wir intuitiv genau richtig handelten. Heute ist mir das klar, damals habe ich mir gar nicht so viele Gedanken gemacht.

Meine ersten „Sorgen“ begannen, als Noah etwa 6 Monate alt war. Nach zwei wirklich vollgepackten und langen Tagen, schrie er fürchterlich und unaufhörlich. Mehrmals bis er blau anlief. Der Kinderarzt erklärte mir, er würde uns manipulieren und es absichtlich machen, weil wir dann auf ihn reagieren würden (machten wir ja sowieso, also war es für mich nicht so klar wie für den Kinderarzt). Natürlich weiß ich heute, dass das totaler Unsinn ist. So ein kleines Baby manipuliert nicht. Er hatte ein Bedürfnis und es war meine Aufgabe, herauszufinden, was ihm fehlte oder eben zu viel war.

Ich kann gar nicht sagen, wie lange es gedauert hat, bis ich endlich heraus gefunden habe, dass er ein hochsensibles Kind ist. Bis dahin hatte ich es mit streng geregeltem Tagesablauf, Krabbelgruppe, Spielplatz und Schwimmbad getestet. Immerhin dachte ich auch, er könnte unterfordert sein. Er war und ist ein extrem aktives Kind. Das war er bereits in meinem Bauch, in dem er regelmäßig heftig Fußball spielte und Purzelbäume schlug. Sogar die Frauenärztin sagte von Anfang an, er sei ein sehr aktives Kind.
All meine Versuche änderten aber nichts an seinem, inzwischen regelmäßigen, Schreien. Er schrie und schrie. Oftmals so lange, bis er vor Erschöpfung einschlief.
Erst, nachdem wir den Kinderarzt wechselten und der neue uns vorschlug, mal gar nichts zu unternehmen (nicht mal einen Spielplatzbesuch), beruhigt sich alles. Und zwar umgehend. Noah schlief wieder ruhiger, schrie fast gar nicht mehr und schien wieder sehr zufrieden. Allerdings waren wir nun Zuhause „eingesperrt“. Es ist sehr schwierig, wenn man ein kleines Kind hat, und alles gern mit diesem erleben möchte, aber nicht kann. Mein schlechtes Gewissen wurde immer größer. Ich kann doch dieses Kind nicht ewig einsperren.

Noah begann sehr früh an sich selbst zu zweifeln. „Ich kann es nicht“, „Ich schaffe es nicht“, „Die anderen machen es besser als ich“.
Er gab sich schnell auf, wenn etwas auf Anhieb nicht funktionierte oder nicht nach seinen Vorstellungen ablief. Dann fiel er in ein tiefes Loch, wurde wütend, aber auch traurig und weinte und schrie. Viele Monate lang habe ich ihn aufgebaut, indem ich Unternehmungen machte, bei denen er immer zu einem bestimmten Ziel kam. So konnte er sich selbst bestätigen und lernte von ganz allein, dass er etwas schaffen kann. Er hat gelernt, dass es sich lohnt, etwas auszuprobieren. Ganz nebenbei wurde er damit viel selbstbewusster.

Nach einiger Zeit fingen wir „mal“ mit einem Ausflug auf den Spielplatz an. Nicht lange und nur mit seinen besten Freunden. Es war wunderbar und es klappte besser als gedacht. Nach und nach entwickelten wir also einen guten Ablauf innerhalb der Woche (steigerten die Aktivitäten), sodass sich keiner überreizt fühlt, wir aber dennoch aktiv sein können.
Bis heute behalten wir dies bei.

Heute ist Noah sieben. Wahnsinn. Die Zeit fliegt. Sieben!

Er geht in die zweite Klasse, fährt mit dem Schulbus (es ist nur ein Bulli, wir wohnen so weit draußen, dass die Kinder hier zuhause abgeholt werden und wieder her gebracht werden) zur Schule und ist viel selbstbewusster als früher. Das hat mich aber viel Zeit und Einfühlungsvermögen gekostet, und oftmals auch Tränen. Nichts ist schlimmer, als sein Kind an sich selbst zweifeln zu sehen.
Trotzdem, jeden Tag erfordert dieses Kind einfach alles von mir. Oftmals weit über meine Grenzen hinaus.
Noah zweifelt grundsätzlich an sich, sein Glas ist immer halb leer (obwohl es schon sehr viel besser geworden ist). Oft begleiten ihn Ängste und Unsicherheiten und dann ist er aber wieder völlig übermütig. Gefährlich übermütig. Er fühlt sich schnell „bestraft“ und diskutiert alles bis zum Ende – und weiter. Er pocht auf sein Recht (auch wenn er gerade völlig falsch liegt, denn 5x0 ist eben nicht 5) und  ist oftmals nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Ich sage dann immer: Festgefahren. Dann muss ich ihn aus der Situation nehmen. Im Sommer bedeutet dies, ab nach draußen aufs Trampolin, oder Fußball aufs Tor schießen. Egal wie, er braucht dann Abstand und Bewegung. Im Winter, wenn es nicht nach draußen geht, dann darf er durch die Wohnung rennen, Tablet spielen um sich abzulenken oder ähnliches (für sein neues Zimmer haben wir jetzt eine Schaukel gekauft).
Im Moment häufen sich diese Augenblicke am Tag und ich weiß, er macht anscheinend eine wichtige Entwicklungsphase durch und benötigt wieder dringend meine Hilfe.
Er möchte gesehen werden und er braucht sehr viel Körperkontakt. Es ist jeden Tag wichtig, dass er genau das bekommt.
Da er sehr gern und viel redet, übersteigt er schnell meine Kraft. Er muss sich immer mitteilen (und er redet dabei ohne Luft zu holen, stundenlang) und will bestätigt werden. Ich brauche, vor allem am Morgen, erst einmal meine Ruhe und kann ihm manchmal noch gar nicht zuhören, diskutieren oder gar antworten. Wir haben inzwischen einen guten Weg gefunden, um miteinander umzugehen. Ich habe ihm erklärt, dass es mir wichtig ist, meinen Tee zu trinken, ohne zu reden. Dass ich diese Ruhe brauche und ich ihn bitte zu warten, bis ich meine Tasse weg stelle. Es klappt mal besser, mal schlechter.

 

Die andere Seite der Münze

Ich lerne in letzter Zeit wieder so viel mehr durch ihn, als je durch irgendeine Schule. Er zeigt mir meine eigenen Bedürfnisse auf, die manchmal tief vergraben sind. Er zeigt mir seine und erinnert mich an meine (Kuschel-)Auszeiten am Tag. Denn, auch wenn er oft sehr besonders ist und aneckt, weil er eben einfach anders ist, weil er sich nicht festlegen kann (Fußball oder Handball, Karate oder Gitarre spielen), weil er noch sehr kindlich ist und nicht so „cool“ wie die Jungs aus seiner Klasse (die regelmäßig ihren Hobbys nachgehen), so ist er eben einzigartig. Seine Charakterzüge sind unendlich schön. Er ist immer gerecht, liebevoll und einzigartig in seinem Umgang mit seinen Geschwistern.
Vor allem aber, ist er zwar schon 7, aber auch erst 7. Er ist noch immer ein Kind, das ab und an Hilfe benötigt, Aufmerksamkeit und viel Liebe. Im Alltag vergesse ich es ab und an mal, da er ja der Große ist und schon so viel alleine kann.

 

Jeden Tag mit einem hochsensiblen Kind zu verbringen, ist ein Geschenk. Es ist anstrengend, ja. Aber trotzdem empfinde ich es als ein Geschenk. Hochsensible Kinder sehen, fühlen und empfinden anders als andere Kinder. Obwohl ich selbst hochsensibel bin, hat die „alte Erziehung“ meine Empfindungen aber doch auf einen kleinen Rest beschränkt. Durch Noah darf ich diese aber wieder entdecken und fühlen, und mit ihm gemeinsam erleben.
Dafür bin ich unendlich dankbar.
Ich möchte Dich heute ermutigen, egal in welcher Phase Du gerade mit Deinem Kind bist, oder mit Dir selbst, gib nicht auf. Ich weiß wie anstrengend es sein kann, aber ich kann Dir versprechen, es lohnt sich.

 

Hast du auch gerade eine etwas herausfordernde Phase mit deinem Kind? Hast du auch ein Hochsensibles Kind? Hinterlasse mir gern einen Kommentar oder schick mir eine Email. Deine Geschichte interessiert mich.
Es grüßt Dich ganz lieb
Sarah

Autorin: Sarah

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