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Mein Friseur weigert sich, mir die Koteletten wegzurasieren. Das mache aus meiner Kurzhaarfrisur einen Herrenhaarschnitt und sähe bei Frauen nicht gut aus, sagt er. Ich kann das akzeptieren und rasiere sie mir zu Hause dann einfach selbst, weil ich mir ohne sehr viel besser gefalle. Dennoch hat mich das wieder dazu gebracht, mehrere Tage lang über diese Aussage zu grübeln. Herren- und Damenhaarschnitt. Sieht nicht gut aus. Bin ich hässlich? Macht mich meine Frisur nun zu einem Mann? Bin ich weniger Frau, weil ich meine Koteletten grässlich finde und sie entferne? Und: ist es schlimm, als Frau männlich zu sein oder als Mann weiblich – was immer das bedeutet?

Kurze Haare standen mir eigentlich schon immer besser als lange. Ich liebe die Bilder meiner Erstkommunion, ich im langen, weißen Kleid mit Kurzhaarfrisur und Blumen im Haar. Ich fand mich wunderschön und trug das Kleid auch danach noch viele, viele Stunden – wir färbten es schließlich blau ein und es wurde ein geliebtes Prinzessinnenkleid.

Tatsächlich bin ich sehr gerne eine Frau! Schon immer gewesen. Es gab keine Zeit in meinem Leben, in der ich mir einen Penis gewünscht hätte, nicht mal zum Spaß, nicht mal für einen Tag, so zum Ausprobieren. Als Kind hatte ich eine Zeit, in der ich ausschließlich Kleider und Röcke trug.

Dennoch konnte ich mich nie so recht für Mode oder Kosmetik begeistern – obwohl ich es lange versuchte, eine Zeit lang sogar die Vogue las und so tat, als wären High Heels (in denen ich noch nie laufen konnte) und teure Handtäschchen das Nonplusultra, auch, um mit meinen Freundinnen “mithalten” zu können, die sich so spielend leicht in diesen Themen verlieren konnten.

Das heißt nun nicht, dass mir mein Aussehen egal gewesen wäre. Vielmehr hatte ich schon als Kind und Jugendliche einen sehr eigenen Geschmack. Ich erinnere mich noch gut an meine Lieblingsstiefel aus meiner frühen Jugend. Sie waren enganliegend, mit Schnürung und zusätzlichem seitlichen Reißverschluss, weiß mit pinken Kontrasten. Ich trug sie immer. Auch im Sommer. Sie waren bequem und ich fand sie wundervoll. Einmal stand ich nach der Schule an der Haltestelle und wartete auf den Bus; zu den Stiefeln, die bis unters Knie gingen, trug ich einen rosafarbenen Vokuhila-Rock, der vorne ebenfalls bis zum Knie und hinten fast bis zum Boden ging. Ein Mädchen sprach mich an, ich sähe so gut aus, sie fände Rock und Stiefel soooo toll. Ich freute mich, wurde ich doch normalerweise eher ausgelacht für meine Anziehsachen. Sie fragte mich aus, wo ich die Sachen gekauft hätte und beteuerte immer wieder, wie gut ich aussähe. Als ich in den Bus einstieg, voller ehrlicher Freude und Stolz, bekam ich noch mit, wie sie zu ihren Freundinnen zurück ging, auf mich zeigte und alle drei schallend zu lachen anfingen. Ich grübelte viele Tage lang, weil ich einfach nicht mehr wusste, ob ihr Interesse und ihre Freundlichkeit ehrlich gewesen waren oder ob sie sich die ganze Zeit über mich lustig gemacht hatte (etwas, was ich heute noch nicht gut unterscheiden kann, im Übrigen, wenngleich es heute einfacher ist, da ich mich nicht mehr so abhängig von der Meinung und dem Wohlwollen anderer mache).

Bild: 9 Kinderbilder

Bei unseren Kindern fiel und fällt mir die Unterscheidung in Junge und Mädchen schwer. Natürlich: unser Großer ist biologisch ein Junge, unsere Kleine ein Mädchen. Und bisher scheinen sie auch sehr glücklich und zufrieden damit, Junge und Mädchen zu sein, Penis und Scheide zu haben. Sie wird vermutlich einmal ein Kind in ihrem Bauch wachsen spüren und gebären können, er wird ein Kind zeugen können (und bedauert es jetzt schon sehr, dass er als Junge/Mann kein Baby im Bauch haben kann) – so sie das denn wollen. Aber darüber hinaus?

Was bedeutet es, dass er ein Junge und sie ein Mädchen ist? Definiert sie das? Bisher weniger. Sie sind beide Kind, beide Mensch. Als sie noch kleiner waren, suchte ich ihre Kleidung größtenteils neutral aus, bunt oder schlicht, die Kleine trug vieles vom Großen auf. Inzwischen wählen sie selbst und ich bin froh, ihnen diese Entscheidung nicht mehr abnehmen zu müssen. Beide lieben Batman und andere Superhelden, des Großen Lieblingsfarbe ist Rosa, ich nähe gerade an einem Prinzessinnenkleid, das er sich gewünscht hat. Er hat glitzernde Schuhe und lässt seine Haare wachsen. Die Kleine mag blau und trägt gerne Hosen und dazu die Schuhe ihres großen Bruders, die ihr zwei Nummern zu groß sind. Oder Gummistiefel. Und am liebsten läuft sie barfuß. Sie lachen beide und weinen beide. Sind beide gleichermaßen stark und zart, leise und laut.

Ich wurde gefragt, ob ich nicht Angst hätte, der Große könne gehänselt werden, wegen der rosa Schuhe, der rosa Kleidung, wenn er Kleid oder Krone trägt, aussieht, wie ein Mädchen. Und obwohl das vielleicht auf Grund meiner eigenen Erfahrungen mit Hänseleien wegen meiner Kleidung, meines Aussehens, meines Anders-seins nahe liegt, habe ich diese Angst eigentlich nicht. Meine Erfahrungen sind nicht die meiner Kinder. Und wer andere schlecht machen will, braucht dazu keine rosa Schuhe oder ähnliches, der findet immer etwas.

Vielmehr ist es mir wichtig, die Kinder in ihrer Persönlichkeit(sentwicklung) zu unterstützen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und ihr Selbstvertrauen. Und bisher habe ich den Eindruck, dass uns das gut gelingt. Selbstverständlich werden sie und werden wir auch kritischen Menschen begegnen, Menschen, die kein Verständnis haben. Unserem Sohn wurde einmal gesagt, er solle sich schämen (!), weil er sich ängstlich hinter mir versteckt hat. Und auch, dass er mit 4,5 Jahren noch einen Schnuller hat, fordert Menschen dazu heraus, auf ihn einzureden, er sei doch schon “so ein großer Junge”, bis hin zu Übergriffen – dass versucht wird, ihm den Schnuller wegzunehmen. Oft bekümmern ihn solche Aussagen nicht einmal, aber wenn es ihn verunsichert, bin ich da und zeige und sage ihm, dass es nicht wichtig ist, was andere denken oder sagen, sondern dass am Ende er alleine zählt und dass er sich wohl fühlen muss.

“Es ist mein Körper und meine Entscheidung und niemand darf über mich bestimmen”, sagt er inzwischen selbst sehr oft. Die Kinder sollen nicht (und sei es nur unterbewusst) die Erlaubnis anderer abwarten, sondern sollen sein, wie sie sind, sollen sich ausprobieren. Und sie wissen, dass wir Eltern immer hinter ihnen stehen. Egal, was sie tun. Wir sind immer da und lieben sie. Und das gilt für alle Menschen, die in ihrem Leben wichtig sind oder sein werden. Und auf die kommt es schließlich an.

Ich trage einen “Herrenhaarschnitt”. Ich habe breite Schultern und mehr Körperbehaarung als mir lieb ist, das gebe ich zu. Zwei meiner Lieblingspullover sind aus der Herrenabteilung. Ich habe es aufgegeben, mich zu schminken – von etwas Concealer und Rouge hin und wieder, wenn ich mir selbst zu blass aus dem Spiegel entgegen schaue, mal abgesehen.

Ich werde geliebt.

Mein Mann liebt meine Frisur, liebt es, wenn ich Jeans, Pulli und Turnschuhe trage. Sein Kumpel zieht ihn auf und sagt, er hätte sich besser einen Freund gesucht. Ich liebe das Zarte, Empfindsame, Weiche an meinem Mann. Unser Sohn ist eine Prinzessin, unsere Tochter ist Batman – und umgekehrt. Macht uns das weniger männlich und weniger weiblich? Manche mögen das so sehen.

Aber wir haben uns.
Wir schätzen einander.
Wir sind verbunden.
Wir zwei. Wir vier.

Und das ist meinem Empfinden nach trotz aller Unsicherheit – oder vielleicht sogar eher: wegen aller Unsicherheit? – wichtiger als die Frage, wie man “richtig” Mann oder Frau, Junge oder Mädchen, ist.

Autorin: Tina

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