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Bevor ich Mutter wurde, malte ich mir die schönsten Szenarien aus. Auf eines freute ich mich ganz besonders: stundenlanges Bücher vorlesen. Ich würde abends ein, zwei, drei Bücher vorlesen, mein(e) Kind(er) würde(n) gespannt zuhören und dann friedlich einschlafen.

Du kannst es Dir schon denken: die Realität war eine andere. Tatsächlich haben wir in den ersten drei Jahren so gut wie gar nicht (vor-)gelesen. Es machte weder dem Großen noch mir Spaß, allenfalls einige Bilderbücher sahen wir uns hin und wieder an, viel mehr aber auch nicht. Die Kleine blätterte häufiger mal in einem Buch, aber vorlesen findet sie bis heute nicht sonderlich spannend.

Ich selbst lese leidenschaftlich gerne, schon immer und schon immer viel. Auch, wenn ich im Alltag mit den beiden Kleinen bei Weitem nicht so viel lesen kann, wie ich es früher tat, nehme ich mir so viel Zeit wie möglich dafür. Ich liebe Sprache. Ich liebe Bücher.

Der Große hingegen entwickelte vor etwa einem Jahr (da war er gute drei Jahre alt) eine große Liebe zu Zahlen. Es begann damit, dass wir auf der Suche nach der Hausnummer 7 waren, wo wir eine neue Freundin besuchen wollten. Mein damaliges Navi war mit dem Neubaugebiet völlig überfordert, Google Maps ging es ähnlich und so irrten wir eine ganze Weile umher, ehe wir es endlich fanden – ein Mehrfamilienhaus mit einer großen roten 7 an der Fassade. Ab diesem Tag liebte unser Sohn die 7 – und ihr folgten viele weitere Zahlen. Monatelang suchte und fand er sie überall, ließ mich Zahlen benennen, die er entdeckte und fragte mich, welche Zahl es sei, “wenn man 5 und 5 und 5 hat?” (555) usw. Wir zählten Stufen, Bonbons, Sekunden, Familienmitglieder. Hin und wieder bot ich ihm doch noch einmal an, gemeinsam etwas zu lesen oder zeigte ihm Buchstaben, bemerkte aber, dass er daran einfach kein Interesse hatte. Zwar nahm er immer wieder ein Buch in die Hand, stellte es aber auch schnell wieder zurück. Ich gab schließlich das schlechte Gewissen auf (denn man hört ja immer, wie wichtig es ist, Kindern möglichst früh und möglichst viel vorzulesen!) und ließ mich ganz auf die Leidenschaften und Interessen meines Kindes ein, so wie ich auch weiterhin meine eigenen pflegte.

Vor einigen Monaten zeigte sich immer deutlicher, dass er nun erst einmal gesättigt war, was die intensive Beschäftigung mit Zahlen angeht. An seinem vierten Geburtstag bat er seine Oma, ihm vorzulesen und hörte eine Viertelstunde lang ruhig und interessiert zu. Immer öfter bat er auch mich, mit ihm zu lesen. Meistens lasen wir nicht sehr lange, nur ein paar Minuten, meistens mehrere Bücher parallel, hier ein paar Sätze, dort ein paar Sätze. Und fast ausschließlich (Kinder-)Sachbücher – die Wieso Weshalb Warum Reihe, Bücher über Tiere, den menschlichen Körper und ähnliches. Aber: wir lasen! Endlich!

Wir haben schon länger kleine Holzbuchstaben, die ich vor vielen Monaten gekauft habe und die – bis auf die Tatsache, dass sich sich hervorragend im kompletten Kinderzimmer verstreuen lassen – bislang kaum beachtet wurden. Diese brachte unser Sohn kürzlich beim Abendessen an den Tisch, suchte sich einen aus und fragte „Mama, was für eine Zahl… Nein… Was für ein Buchstabe ist das?“ Und so haben wir neben asiatischer Gemüse-Hühnchen-Pfanne mit Reis Buchstaben benannt und ein paar Wörter gelegt. Aus dem „Apfel“ (er freute sich, nahm sich einen Apfel und legte ihn auf das Wort) wurde eine „Ampel“ (er streckte uns die Hand entgegen und rief „Stopp!!!“ und nach einer kleinen Pause „Grün! Weiter gehen!“) wurde eine „Lampe“ (er lief zum Lichtschalter, schaltete das Licht aus und rief dazu „Aus!“ , gleich darauf wieder „An! Lampe!“) und er freute sich total darüber. Dann war es aber auch schon wieder genug, beim „Vogel“ kamen wir übers „Vog“ nicht hinaus und er wollte eine Pause und lieber seinen Apfel essen.

Bild: Lesekarten

Bild: Drei Lesekarten liegen nebeneinander

Diese neu entdeckte Leidenschaft aufgreifend, setzte ich mich in den folgenden Tagen an den PC und erstellte einzelne Buchstaben, sowie Lesekarten und -dosen für die Kinder. Bei Montessori-Lernwelten (große Liebe! Die haben tolle Sachen!) bestellte ich drei Steckleisten, in die sie die Buchstaben stellen können. Werden die Lesekarten hinein gestellt, verschwinden die Wörter in der Leiste – so können die Karten langfristig sowohl zum Lesen- als auch zum Schreiben üben genutzt werden. Unsere Kleine nutzt sie auch schon – zum Sprechen lernen. 🙂

Bild: Korb mit Lesedosen

Bild: Lesedose Batman

Bild: Lesedosen Batman Hinterseite

Beflügelt vom (endlich!) erwachten Interesse am (Vor-)Lesen schaute ich gleich nach neuen Kinderbüchern. Ich hatte schon ein paar im Warenkorb, als ich zögerte und dachte “Hm, noch mehr Bücher, die dann die nächsten Monate nur herumstehen? Eigentlich reichen da auch die, die wir schon haben….”, bis mir ein neuer Gedanke kam. Bei den Lesekarten, die ich erstellt habe, hatte ich die Interessen meines Sohnes im Kopf – als allererstes bastelte ich unsere Familie, als nächstes einige Superhelden – warum schaute ich nun bei den Büchern nur darauf, was mir gefiel und hoffte, er würde es auch mögen? Kurzerhand tippte ich also “Batman Erstleser” ein, warf alle bisherigen Bücher aus dem Korb und packte die ersten drei Bücher der Batman-Reihe für Grundschüler hinein. Und das, ich sage es Dir, war DAS ALLERBESTE, was ich machen konnte. Die Bücher kamen ein paar Tage später hier an und werden seitdem heiß und innig geliebt. Ich musste ihm das erste direkt komplett vorlesen und er hörte ruhig und aufmerksam zu.

Ein paar Wochen darauf bestellte ich auch das vierte und fünfte Buch der Reihe. Auf dem Weg zum Bett nahm er sich eines und schaute mich fragend an.
“Soll ich dir das Buch heute noch vorlesen?”
“Nein, Mama! Ich will jetzt lesen lernen!”, war die Antwort.
Und so lasen wir gemeinsam Wort für Wort (soll heißen: ich las und hielt immer den Finger unter das Wort, das gerade an der Reihe war).

Bild: Batman-Lesebücher

Bild: 5 Batman-Lesebücher Rücken

Natürlich ist er noch weit davon entfernt tatsächlich selbst zu lesen – vielleicht geht das nun schnell, vielleicht dauert es aber auch noch einige Jahre. Aber einzelne Wörter erkennt er schon wieder und er ist unheimlich wissbegierig, genau so, wie er es bisher mit Zahlen war. Ich lese ihm ständig etwas vor, er “liest” uns auch vor (er zeigt auf die Wörter und erzählt die Geschichte in eigenen Worten), er lässt mich Dinge buchstabieren und erfreut sich an Büchern und Zeitschriften. Ganz oben auf der (Buch-)Wunschliste stehen neben den restlichen Batmanbücher auch die Bücher mit Superman-Geschichten der gleichen Reihe.

Ich bin gespannt, wie diese Liebe weiter geht und freue mich, dass sich so viele Menschen mit ihm begeistern – eine liebe Instagram-Freundin schickt uns regelmäßig Bilder, wenn sie Dinge entdeckt, auf denen sein Name steht.

Ich werde nun noch ein paar Lesekarten und -dosen basteln und freue mich darauf, ihn auf seinem Weg zum Selber-Lesen zu begleiten.

Bis bald!

Deine Tina

Hier siehst du Tina.

Autorin: Tina

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