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Hochsensibilität ist ein unheimlich spannendes und vielschichtiges Thema und ich möchte (und werde!) Dir gerne noch so viel mehr dazu erzählen! Heute aber will ich Dir erst einmal meine persönliche Geschichte schildern.

Vor kurzem habe ich Dir von der Babyzeit mit unserem Großen erzählt. Er war ein sogenanntes “Schreibaby” (auch: 24-Stunden-Baby, nach William Sears, oder: High-Need-Baby), von Geburt an sehr sensibel, sehr aufmerksam, sehr schnell überfordert mit Allem. Mir selbst unheimlich ähnlich.

Wegen dieser Ähnlichkeit tat er mir manchesmal fast schon Leid – ich wollte nicht, dass er sich wie ich fühlt. Anders als die Anderen. Falsch auf dieser Welt. Wie im falschen Film. Zu wenig. Zu schwach. Denn genau so hat es sich in den ersten 24 Jahren meines Lebens angefühlt. Als würde etwas nicht stimmen mit mir. Als würde ich anders denken als die anderen Menschen, anders fühlen – mehr noch: als würde ich (als einzige) irgendwie falsch denken, falsch fühlen, falsch “ticken”. Heute weiß ich, dass das absolut zutreffend ist – nein, nicht das “falsch sein”, sondern das “anders sein”. Ich denke, fühle, ticke, ich bin tatsächlich anders als die meisten Anderen: ich bin hochsensibel. Und das ist großartig!

Im Sommer 2013 stieß ich eher zufällig auf einen Artikel, in welchem es um hochsensible Kinder ging. Ich las ihn spontan, um zu sehen, ob das auf unseren Sohn passen könnte. Stattdessen erkannte ich mich selbst wieder. Und es ging mir, wie so vielen anderen Menschen, wenn sie erkennen, dass sie nicht verrückt oder falsch sind, sondern “nur” hochsensibel – ich war unheimlich erleichtert. Ich las mich ins Thema ein, bestellte mein erstes Buch zur Hochsensibilität und es war wirklich unglaublich: nachdem ich so viele Ratgeber und Tipps und Texte zu den unterschiedlichsten Themen gelesen hatte, von denen keiner auf mich zu passen schien und keiner mir wirklich hatte helfen können, hielt ich plötzlich ein Buch in der Hand, bei dem ich nach jedem Satz “JA! DANKE! GENAU!” schreien wollte, weil es tatsächlich MICH beschrieb. Ich muss auch heute noch oft schmunzeln und verwundert den Kopf schütteln, wenn ich mich so haargenau in einem Text wiederfinde.

Über Hochsensibilität zu erfahren, hat mein Leben wirklich verändert.
Das klingt jetzt vielleicht albern, denn ich bin ja trotzdem noch die, die ich vorher war, natürlich! Aber es tut gut, zu wissen, dass ich ganz “richtig” bin – und dass es noch andere gibt, die wie ich empfinden, die mich verstehen! Es tut gut, zu wissen, dass ich nicht anders sein muss, nicht “normal” sein muss – und dass ich das auch gar nicht kann. Ich bin hochsensibel, ja, und die Unterschiede zwischen mir und anderen Menschen, die sehe ich immer noch; ich komme mir auch immer noch oft ein bisschen fehl am Platz vor, das gebe ich zu. Aber das ist in Ordnung, weil ich nicht mehr versuche, mich anzupassen.

Ich finde Vieles unheimlich anstrengend, das Andere glaube ich nicht mal bemerken. Das nervt! Ich bin grässlich schnell überreizt, manchmal halte ich es keine fünf Minuten irgendwo aus, ohne dass ich anfange, zu flimmern. Ich weiß nicht, ob es das gut beschreibt, aber so fühlt es sich an. Als würde mein ganzer Körper und mein ganzer Geist leicht zittern. Selbst leise Geräusche verschwimmen und werden mir viel zu laut. Ich merke, dass ich anfange, ins Leere zu starren (das kann ich auch immer bei den Kindern beobachten, wenn sie abschalten). Ich werde fahrig. Es ist tatsächlich ein bisschen, wie betrunken sein (der “Kater”, der folgt, im Übrigen auch). Ich kann nicht richtig atmen. Ich spüre meinen Herzschlag sehr deutlich. Alles stört. Das ist blöd. Vor allem, wenn ich sehe, dass es allen anderen nicht so geht. Dass sie Spaß haben, dass es ihnen gut geht. Dass sie nicht den nächsten Tag brauchen werden, um wieder runterzufahren.

In solchen Momenten, vor allem im direkten Vergleich mit nicht-hochsensiblen Menschen, neige ich dazu, mich über diese vermeintliche Schwäche zu ärgern, vielleicht auch ein bisschen zu bemitleiden. Ja, ich habe Tage, wo ich einfach nur “normal” sein will. Mein Mann könnte von vielen Abenden erzählen, an denen ich weinend in seinen Armen lag und ihn gefragt habe, was denn bloß nicht stimmt mit mir, mit uns. Warum denn nicht Alles ein bisschen einfacher sein kann.

Aber das ist ja nicht Alles! Ich bin sehr empathisch, kann mich gut in Andere einfühlen. Ich helfe gerne. Ich lerne schnell. Wenn mich etwas interessiert, kann ich mich darin richtig “vergraben” (na gut, als Mutter zweier kindergartenfreier Kleinkinder ist das nicht mehr so gut möglich, wie früher 😉 , dennoch liebe ich diesen “Flow”, in den ich komme, wenn mir etwas gefällt). Ich kann ziemlich viele Sachen (wenngleich mir manchmal “die eine Sache” fehlt, die ich richtig gut kann, die gibt es nämlich bisher noch nicht), ich probiere Vieles aus. Ich finde Glück in den kleinsten Dingen. Auch habe ich ein ziemlich gutes Körpergefühl. Ich kann mich auf mich verlassen. Ich denke (zu) viel nach, ich reflektiere viel, ich bin perfektionistisch. Ich kann mich wunderbar mit mir selbst unterhalten, Situationen analysieren, durch spielen, alle Optionen bedenken.

Ich bin hochsensibel, aber deswegen bin ich nicht schlechter oder besser als Andere. Ich “brauche” diese Bezeichnung auch nicht, um mich als Mensch zu definieren oder als Entschuldigung oder Ausrede (so nach dem Motto “Ach weißt du, ich würde ja gerne morgen zu dir kommen, aber ich bin leider hochsensibel und muss mich von der Feier heute erholen!”, nee, wenn ich irgendwohin will, gehe ich und nehme den Reiz-Kater in Kauf; und wenn nicht, dann eben nicht!), aber sie hilft mir dabei, zu verstehen, warum andere Menschen anders empfinden.
Ich denke, wenn jeder einfach sein könnte, wie er eben ist, bräuchten wir auch diese ganzen Benennungen nicht, die uns schnell dazu verleiten, die Menschen in “normal” und “unnormal” einzuordnen. In unserer kleinen “Blase”, in unserem Leben, das wir weitestgehend selbstbestimmt leben, bin ich einfach ich. Ich achte auf mich, aber ich muss mich nicht in Watte packen oder verschanzen.

Übrigens: Hochsensibilität ist keine Krankheit. Auch keine Störung oder so. Hochsensibilität ist ein Wesenszug und als solcher angeboren. Hochsensibilität ist auch kein neues Phänomen, oder gar ein “Trend”, sondern kam schon immer vor – auch im Tierreich. Etwa 15-20% sind von Hochsensibilität betroffen. Dabei ist aber auch innerhalb dieser Gruppe die Sensibilität unterschiedlich verteilt. Aber zu all dem ein anderes Mal mehr! (Ich selbst bin [nach eigener Einschätzung und Selbsttest auf zartbesaitet.net] ausgeprägt hochsensibel, ebenso wie der Große. Bei unserer Kleinen und dem Liebsten bin ich mir immer nicht so sicher.)

Wie ist es bei Dir? Hast du schon einmal von Hochsensibilität gehört? Bist du selbst hochsensibel oder kennst jemanden, der (vielleicht?) hochsensibel ist? Was weißt Du darüber und was interessiert Dich noch?

Ich freue mich darauf, Dir bald einen etwas genaueren Einblick in die Hochsensibilität geben zu können!

Liebe Grüße,
Deine Tina

Hier siehst du Tina.

Autorin: Tina

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