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Du selbst zu sein, in einer Welt die dich ständig anders haben will, ist die größte Errungenschaft

Ralph Waldo Emerson

 

Es hat lange gedauert, bis ich endlich in Worte fassen konnte, was mich seit Jahren belastete. Früher war es eben nicht so bekannt oder man hat sich einfach nicht damit auseinander gesetzt. Als Kind war ich schon immer anders. Ich habe – scheinbar – anders gefühlt als andere, anders verarbeitet und wahrgenommen als andere und ich habe definitiv schneller und schwerer unter Strafen gelitten als andere. Nun habe ich meine Kindheit in einem mehr oder weniger „normalen“ Haushalt verbracht und hatte immer das Gefühl, nicht verstanden zu werden, nicht gesehen zu werden und vor allem, und das war das schlimmste, habe ich mich nie dazugehörig gefühlt. Bis vor einiger Zeit sogar habe ich noch gedacht, ich wäre „komisch“ oder „verflucht“.

Was ich meine?

Hochsensibilität. Endlich haben meine Wahrnehmungen, meine Gefühle, meine Ängste und meine Unsicherheit einen Namen. Als ich das erste Mal von hochsensiblen Menschen las, habe ich sofort ‚gefühlt‘, wovon die Rede war. Es war, als würde ich mich selber lesen, in Worte gefasst. Ein unglaubliches Gefühl. Ich bin nicht „anders“ oder „krank“.

Zwei meiner Kinder sind ebenfalls hochsensibel und seitdem ich weiß, was Hochsensibilität ist, bin ich dankbar dafür, dass ich so fühlen und sein darf, denn dadurch habe ich einen unbeschreibbaren Zugang zu meinen Kindern.

Was ist Hochsensibilität eigentlich?

Hochsensibilität ist keine Krankheit. Hochsensible Menschen nehmen Reize stärker wahr und verarbeiten diese intensiver und länger. Oftmals haben hochsensible Menschen ein intensives Schmerzempfinden, riechen und hören intensiver und schmecken und fühlen extremer. Viele haben, so wie ich auch, einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und auch Gefühle wie Liebe, Wut, Trauer oder Hilflosigkeit werden ausgeprägter „gespürt“.
Außerdem sind hochsensible Menschen oft sehr gewissenhaft und schnell unglücklich, wenn etwas nicht perfekt ist (wird).
Es gibt noch eine ganze Reihe anderer Dinge, wie Empathie, Stimmungen und Empfindlichkeiten wahrnehmen, Kreativität, Fantasie und erhöhte Intuition.
Oftmals führen einige der genannten Dinge zu erhöhter Ängstlichkeit, schwachem Selbstwert, Unsicherheit, Abgrenzung, Reaktivität und Konzentrationsschwierigkeiten.
Besonders bei hochsensiblen Kinder sind wir daher als Eltern gefragter als bei normal sensiblen Kindern.

Meine hochsensiblen Kinder

Als mir das erste Mal auffiel, dass mein Kind „anders“ ist, war Noah in etwa 6 Monate alt. Nachdem wir an einem Tag viel Besuch hatten, am Tag darauf Freunde besuchten und am Wochenende dann einen Ausflug an den See machten, schrie Noah durchgehend. Nicht, dass es ungewöhnlich war, denn Noah war sowieso schon immer ein sehr unruhiges Kind, aber er schrie, bis er blau anlief. Wir gingen sofort zum Kinderarzt. Dieser ging erstmal von einem charakterstarken Kind aus, dem etwas nicht passte und der uns manipulieren wollte. Erst später machte er den Vorschlag, tagelang nichts zu unternehmen und einfach zu Hause zu bleiben, um zu sehen ob es sich dann besserte. Es besserte sich.
Heute weiß ich, dass es einfach viel zu viel für ihn war und er so extrem darauf reagierte, weil er hochsensibel ist. Er versuchte nicht, uns zu manipulieren, und er ist auch nicht charakterstark. Er konnte die vielen Eindrücke einfach nicht verarbeiten und schrie deshalb. Ich bin heute froh und dankbar, dass ich genau so fühle und mich in ihn hinein fühlen konnte. So konnte ich ihm relativ schnell helfen, indem ich in unserem Alltag anfing, umzudenken.
Heute ist Noah 7 Jahre alt und inzwischen haben wir einen guten Weg gefunden. Mit viel Liebe, Geduld und authentischem Miteinander weiß er inzwischen, dass er genau so gut ist, wie er ist. Er benötigt natürlich jeden Tag diese „Unterstützung“ von uns und auch in Schulangelegenheiten versuchen wir ihm so viel Unterstützung wie nur möglich zu geben, damit er nicht das Gefühl bekommt, anders zu sein.

Auch unsere Tochter Noemi ist ein hochsensibles Kind.
Sie weiß immer genau, wie ich mich fühle, sie nimmt meine Gefühle intensiv auf. Das ist nicht immer leicht und ich werde immer wieder daran erinnert, auch auf mich zu schauen. Sie braucht immer und viel meine Nähe, zieht sich aber auch oftmals zurück und braucht ihre Ruhe. Ein Ausgleich für sie ist das Schaukeln. Wenn sie schaukelt, dann ist sie so richtig in Ihrer Welt. Manchmal singt sie dabei und manchmal ist sie ganz still. Ich sage immer, sie schaukelt sich alles von der Seele.

Für Noemi ist es ganz wichtig, zu teilen. Schon als sie ganz klein war, teilte sie alles mit ihrem Bruder, mit Mama und Papa. Gerade heute habe ich wieder gemerkt, wie wichtig es ihr ist, dass alle gleich behandelt werden. Sonntags ist Pflegepferdetag. Noemi hat ihr eigenes Pflegepferd und ich habe meins. Nach dem Putzen und Misten (und manchmal auch Reiten) gibt es für das Pferd eine Möhre oder einen Apfel. Heute hatte ich drei Möhren mit. Eine für ihr Shetlandpony und zwei für mein Pflegepferd, so war mein Plan. Aber Noemi brachte es nicht übers Herz, dass nur unsere Pferde eine Möhre bekommen, also habe ich drei Möhren in 18 Stücke geteilt, damit jedes Pferd ein (Mini)Stück Möhre bekam. Es hätte sie tagelang beschäftigt, wenn ich es nicht getan hätte.
Durch ihre extremen Empfindungen fällt es Noemi oft schwer, den Überblick zu behalten. Viele Menschen an einem Ort überfordern sie und es scheint, als würde sie jedes Gefühl von jedem einzelnen Menschen fühlen. Daher zieht sie sich dann oft in sich selbst zurück und wenn sie dann in einem, ihr bekannten, Wohlfühlraum wie im Auto oder Zuhause ist, dann schreit sie oftmals, ist hektisch und will sich nicht anfassen lassen. Dann hilft entweder nur die Schaukel im Garten, oder jetzt im Moment im Winter das ruhige, ungestörte Spielen mit ihren Schleich Pferden. Dabei muss ich darauf achten, dass ihre  Brüder sie in ruhe lassen. Wenn sie wieder dazu bereit ist, dann kuschelt sie lange und ausgiebig mit mir und braucht auch dabei ganz viel Ruhe.

Beide Kinder empfinden ihren Alltag ganz extrem. So sind sie manchmal himmelhoch jauchzend und dann wieder ganz schnell völlig verzweifelt. Ich spreche nicht von einem Kind, das manchmal zweifelt, weil etwas Bestimmtes nicht auf Anhieb funktioniert. Ich spreche von einem richtigen Verzweifeln. Dieses Verzweifeln lässt beide extrem an sich zweifeln und ganz plötzlich sind sie der Meinung, nichts zu können, nichts zu sein und es niemals zu lernen. Oft ist das sehr herausfordernd und vor allem Noah wird in der Schule oft missverstanden. Dabei sind beide Kinder sehr kreativ, sehr fantasievoll und unglaublich liebenswert. Sie sind eben ganz besonders.

Unser Alltag

Wir haben keine feste Abläufe mehr. Die Freiheit habe ich mir genommen. Die einzigen festen Abläufe in der Woche sind die Schule des Ältesten und die Pferde versorgen.
Von dem Rest haben wir uns frei gemacht. Noemi schläft gern länger und wenn sie aufsteht, kuschelt sie ausgiebig mit mir. Wenn ein Termin ansteht, dann bespreche ich diesen mit den Kindern beim Frühstück und erinnere später noch einmal daran. So wissen meine Kinder, was genau auf sie zukommt und ich habe das Gefühl, dass es ihnen dann leichter fällt zu verarbeiten, da sie sich vorher schon darauf vorbereiten konnten. Für alles Andere am Tag beziehe ich meine Kinder mit ein und mache gern Vorschläge. Ich mache pro Woche nicht mehr als zwei Termine und niemals mehrere Termine an einem Tag.
Wenn wir einen Tagesausflug machen wollen oder das Wochenende planen, müssen wir immer genug „Ruhezeiten“ einplanen. Hochsensible Kinder benötigen mehr Zeit, um eine neue Umgebung wahr zu nehmen und zu verarbeiten. Um unsere Kinder nicht zu überreizen, machen wir an nur einem Tag am Wochenende einen Ausflug und manchmal auch gar nichts „Besonderes“.
Aber wenn wir etwas Besonderes machen, dann bereite ich meine Kinder und mich darauf vor. Wir schauen gemeinsam Bilder von dem Ort an, zu dem wir fahren wollen, wir besprechen den Ablauf genau und legen auch vorher fest, wann und wo wir essen werden. Damit fällt es meinen beiden Hochsensiblen leichter, den Tag zu verarbeiten, denn sie wissen in etwa, was auf sie zu kommt.

Unser Alltag ist viel entspannter geworden, seitdem ich mich von der Vorstellung in meinem Kopf verabschiedet habe, wie es sein „soll“, oder wie ich sein soll oder wie meine Kinder sein sollen. Ich habe mich von „festen Strukturen“ frei gemacht und nehme mir in erster Linie Zeit, um mich jeden Tag intensiv um meine Kinder zu kümmern. Dies bedeutet nicht nur, dass ich Zeit zum Spielen habe, sondern dass ich zuhöre, sie sehe, sie fühle und auf sie eingehe. Es bedeutet, dass ich ihnen jeden Tag zeige und sage, dass sie genau so wie sie sind absolut toll sind und sie sich niemals anpassen müssen. Das bedeutete aber auch, dass ich mich von meiner, mir bekannten, Erziehung verabschiede. Das ist nicht immer leicht und hier und da auch sehr herausfordernd. Aber es macht auch Spaß und ich finde, es bereichert mein Leben ungemein. Ich lebe ein Alltag in Bewegung, Veränderung, und nicht nur in festen, sich immer wiederholenden Strukturen.

 

 

 

 

Wenn Dich das Thema Hochsensibilität interessiert und/oder du denkst, dass Du oder dein Kind Hochsensibel sein könnte(n) dann kannst du hier und hier noch mehr lesen. Und wenn es dich interessiert, wie wir mit so manchen herausfordernden Situation umgehen, dann melde dich doch für unseren Newsletter an. Demnächst gibt es noch mehr persönliche Einblicke in mein Leben mit hochsensiblen Kindern.

Es grüßt Dich ganz lieb

Sarah

Autorin: Sarah

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