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Gewalt unter der Geburt – Alltag im Kreißsaal

“Gewalt unter der Geburt” klingt auf den ersten Blick unrealistisch und ziemlich weit hergeholt. Doch wo beginnt Gewalt? Was macht es, wenn sie als solche empfunden wird und dir niemand glaubt, dass es der Anfang eines dunklen, traurigen Lebensabschnittes war?

Die perfekte Mutter mit ihrem perfekten Kind ist das Bild, welches uns an jeder Ecke anlacht und uns subtil unter Druck setzt, diesen idealen Vorgaben zu entsprechen. In Wirklichkeit hat Nichts davon mit der Realität zu tun. Jeder weiß mittlerweile wie solche Bilder entstehen. Trotzdem beeinflussen sie uns und prägen unsere Gefühlswelt.  

Wir orientieren uns so stark am Außen, dass wir bemüht sind, Empfindungen zu unterdrücken, die uns so nicht gespiegelt werden. Besonders dramatisch ist dies in der Geburtsmedizin. Standardvorgänge wie sie vor allem in Kliniken nach allen Regeln und Vorschriften durchgeführt werden, gelten als NORMAL. Kaum eine Geburt findet heute mehr ohne künstliche Einleitung und Interventionen statt.


Es ist “normal”, dass die Mutter sich unter der Geburt rechtfertigen muss, warum sie sich für oder gegen etwas entscheidet. Es ist “normal”, dass ständig vaginal untersucht wird, was während den Wehen sehr schmerzhaft ist. Es ist “normal”, dass Wünsche übergangen, ignoriert oder ganz offensiv abgeschmettert werden. Es ist “normal”, dass Druck ausgeübt wird und ungefragt Dammschnitte vollzogen werden. Es passiert sogar, dass ohne Betäubung Geburtsverletzungen genäht werden. Es ist “normal”, dass schwerwiegende Verletzungen durch fragwürdige Geburtspraktiken in Kauf genommen werden. Es ist “normal”, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, weil sich alle “normal” verhalten und somit alles “normal” zu sein scheint.

Diese Liste könnte ich noch weiter ausführen. Was leider nach diesen Informationen folgt, ist, dass die Frauen Angst bekommen. Und genau aus diesem Grund schauen viele weg und setzen sich nicht im Vorfeld mit dem Thema auseinander. Hinzu kommt, dass Ärzte mit Ängsten arbeiten und zwar in erster Linie mit den eigenen, da sie überhaupt keine Chance bekommen, eine komplett natürliche, interventionsfreie Geburt zu “studieren”.


Eine Mutter die selbstständig ein Kind geboren hat, ist kompetenter in der Unterstützung einer Gebärenden als ein Mediziner, der ausschließlich am manipulierten, krankhaften Vorgang ausgebildet wurde. Dies trifft leider genauso auf viele Hebammen zu.

Das ist ein heftiges Statement, ja! Dieses Tabuthema bekommt trotz alledem langsam eine Lobby.

Leider sind wir immer noch ziemlich weit von der Geburtshilfe entfernt. Es ist eher ein messen, auswerten, bewerten, intervenieren und vor allem Angst machen. Niemand vertraut mehr der Wahrnehmung und erst recht nicht der Person, die das Kind in sich trägt. Frau traut sich selbst nicht, wie auch, wenn man als Schwangere ständig gesagt bekommt, dass etwas nicht stimmt und man ohne Hilfe sowieso nicht in der Lage ist, ein Kind zu gebären. Die Problematik dabei ist, dass die wenigsten Frauen einen echten Vergleich haben und Ihnen somit gar nicht bewusst ist, was da mit Ihnen “gemacht” wird.
Das Resultat sind oft Sätze wie: “Ohne DIESE Maßnahme wäre ich oder mein Kind gestorben”. Und das Schlimme ist, am Ende der Interventionskette entspricht das dann tatsächlich auch der Wahrheit.

Kann es wirklich sein, dass beinahe jedes Kind ohne Intervention und jedes 3. Kind ohne Kaiserschnitt, bei der Geburt sterben würde? Da bekommt dieses Ereignis tatsächlich einen unheimlich gefährlichen Charakter. Was ist das Ergebnis? ANGST! Angst macht in erster Linie hilflos und schaltet den Kopf aus. Wenn man einem gefährlichen Tier gegenüber steht, macht das auch Sinn, da zählt nur noch wegrennen. ABER wir reden hier von Ängsten, die durch Worte und Gedanken entstanden sind, nicht durch eine sichtbare Bedrohung. Zumindest verhält es sich so bei Erstgebärenden, die noch keine eigenen schlechten Erfahrungen gemacht haben.

Die Ängste sind so groß, dass wir dazu neigen, ALLES abzugeben und uns komplett von Außen steuern lassen. Wie sagt man so schön? Fremdbestimmt. Wir sind weder in unserer Kraft, noch haben wir eine solide Verbindung zu uns oder unserem Baby. Das führt wiederum dazu, dass dieses naturgegebene Programm “Geburt” nicht reibungslos ablaufen kann. Als ob die Natur ein Millionen Jahre altes Programm vor 200 Jahren plötzlich weggelassen hat.

Das ist häufig der Start der ganzen Tragödie. Nun werden auf Teufel komm raus Einleitungen vollzogen, passiv zum Liegen gezwungen (durch CTG), Muttermunduntersuchungen bzw. Aufdehnungen, Kristeller-Griff Anwendungen (der nur für Mehrgebärende gedacht war und mittlerweile schon in einigen Ländern verboten ist), vaginal operative Entbindungen (Zange, Saugglocke) oder unwissentlich? Kaiserschnitte provoziert. Diese Dinge verursachen vor allem eines – Schmerzen! Da diese von außen verursacht werden, stehen sie in direkter Verbindung zur Gewalt.

Halten wir uns vor Augen, dass diese durchgeführten Interventionen meist ohne direkte Befragung oder Einwilligung stattfinden und dass es sich oft um mehrere Personen handelt, die wir im Zweifel noch nie vorher gesehen haben. Wir haben nicht einmal mehr “das Recht” über Sympathie zu entscheiden und was wir von wem zulassen. Es ist selbstverständlich, dass die Anwesenden “die notwendigen Untersuchungen” durchführen. Mit anderen Worten, wir sind der Situation hilflos ausgeliefert!

Wie würdest du ein Ereignis beschreiben, wo Gewalt in deinem Intimbereich angewendet wird und das ohne Zustimmung von dir?
Ich möchte es gar nicht in den Mund nehmen.

Klar, die Intention vom “Täter” (bitte nicht auf die Goldwaage legen) ist eine ganz, ganz andere. Trotzdem gilt das Motto, lieber zuviel als zuwenig, egal ob Nutzen oder Schaden. Es geht in erster Linie um die Absicherung des Behandelnden.

Was wird noch als Gewalt bezeichnet oder kann als solche empfunden werden?

In erster Linie natürlich eine physische Schädigung mit einem körperlichen Schmerz. Besonders bedenklich finde ich, wie oben bereits erwähnt, die Körperregion, die es bei einer Geburt betrifft. Die Geschlechtsorgane stehen in direkter Verbindung zur sexuellen Gewalt, auch wenn dies nicht mit einem “Lustgewinn” verbunden ist. So hat unser Körper doch ein Gedächtnis und spätestens beim ersten Sex nach der Geburt spüren wir Frauen dann die Auswirkungen. Und damit meine ich nicht nur die körperlichen Schmerzen von etwaigen Narben und Verletzungen. Im Internet kann man über einen Blog lesen, in dem eine Frau, die eine Zangengeburt hatte, genau dieses Problem thematisiert. Sie wählte die Worte: “Die Geburt hinterließ bei mir eine gebrochene Vagina”. Sehr eindrucksvolle Worte wie ich finde.

 

Ein weiterer großer Bereich ist die psychische Gewalt. Darunter zählen auch verbale Übergriffe und Beschimpfungen. Die emotionale Vernachlässigung, wie z.B das Nichttrösten einer “jammernden” Gebärenden, gehört genauso dazu, wie die Ausübung von Macht. Die “Mißachtung des Willens einer Person” kann unter der Geburt verheerende Folgen für Mutter und Kind haben. Gefühle wie Unwohlsein, Ablehnung, Angst, Ekel, Hilflosigkeit, Unterdrückung, Scham und Erniedrigung haben eine direkte Wirkung auf die Vitalwerte der Mutter und SOMIT AUCH AUF DAS KIND! Herztöne werden schlechter, Kinder setzen viel zu früh Mykonium ab (grünes Fruchtwasser), und der Adrenalinspiegel lässt die Wahrscheinlichkeit für einen Geburtsstillstand in die Höhe steigen.

Die strukturelle Gewalt, die Akzeptanz der Gesellschaft einer bestimmten Methode und Vorgehensweise gegenüber macht die ganze Thematik so schwierig. Auf der einen Seite haben wir traumatisierte, gebrochene Frauen, die mit ihrem Leid allein gelassen und nicht ernst genommen werden. Auf der anderen Seite, die Einrichtungen, Institutionen und die Politik, die die ganze Sache als normalen Vorgang kennzeichnen und abtun. Das soll dann das wunderschönste Ereignis im Leben einer Frau gewesen sein? Wie es in den Frauen aussieht und was sie durchmachen wissen oft nicht einmal die engsten Verwandten, geschweige denn der Lebenspartner.

Wenn ihr mich fragt, es ist ein Skandal, mit welchen Füßen die Würde der Frau getreten und mit welcher Kalkül neues Leben empfangen wird. Ich habe den Betroffenen gegenüber großes Mitgefühl und hoffe, dass sie diese Erlebnisse irgendwann in sich heilen können.

Zum Schluss ein Zitat von Berthold Brecht aus “Me-ti. Buch der Wendungen”

“Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Whg. stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw.. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.”

Hier siehst du unsere Gastautorin Jessica.

Gastautorin: Tante Auguste

Ich freue mich ganz besonders über unsere heutige Gastautorin Corinna von Tante Auguste.
Corinna ist Mama von vier Kindern und setzt sich für eine natürliche und selbstbestimmte Geburt ein. Auf Ihrem Blog erzählt sie von Ihrer Vision, Orte zu schaffen an denen dies möglich ist, und wird demnächst viele spannende Geburtsberichte verschiedener Mütter veröffentlichen.
Ich freue mich schon sehr darauf und werde dort auch von meinen eigenen Geburten erzählen.

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