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Ein Tag wie jeder (echt, jeder!) andere: meine älteste Tochter (6 Jahre und mitten in der Wackelzahnpubertät – ihr wisst, wovon ich rede!) steht schreiend, weinend und völlig hilflos in ihrem Zimmer, weil ich ihr vorgeworfen habe, sie sei unfähig zu – was auch immer (ich weiß es schon nicht mehr, aber ihr könnt alles beliebige einsetzen). Ich sitze währenddessen im Wohnzimmer, weinend! Natürlich bleibe ich konsequent und strafe sie für ihr Fehlverhalten, genau wie es in einer „ordentlichen Erziehung“ eben so sein sollte. Das wussten auch schon meine Großeltern und Eltern. Ich fühle aus eigener Erfahrung, wie sich meine Tochter grade fühlt, aber ich höre meine Mutter und Oma sagen: „Kind, du kannst nicht immer hin gehen, sie muss da durch!“

Aber heute reicht es mir! Ich fühle, es ist die Zeit gekommen, dass ich meine Tochter nicht mehr so behandeln will. Sie ist ein Kind, ja, aber eben auch ein Mensch, mit Gefühlen und Rechten. Als ich grade rüber gehen möchte, um mit ihr zu sprechen, weint ihre jüngste Schwester (zu dem Zeitpunkt zwei Monate), natürlich hat sie Hunger und kann nicht warten. Also stille ich weinend und versuche, mich mit Facebook abzulenken (solltet ihr kennen, Stillen kann ja auch mal länger dauern).

Dass ich das tat, war das Beste, was uns passieren konnte (gut, zu dem Zeitpunkt war mir das noch nicht klar, aber aus heutiger Sicht ist das tatsächlich so!). Während ich in diesen ganzen Mama-Gruppen stöbere, blieb ich bei einem Beitrag hängen, der unsere Situation beschreibt. Die Frau sprach von meinem Alltag! (Puh, ich bin nicht die Einzige, deren Kind nicht gehorsam ist, scheint für das Alter normal, ich habe also nichts falsch gemacht. Erleichternd, das zu hören/lesen.) Ein paar Kommentare weiter unten schrieb eine Frau tatsächlich, dass ihr Kind unerzogen sei und wie entspannt ihre Beziehung zu ihrer Tochter wäre.

Da war es: UNERZOGEN! Was bitte ist denn das für ein neumodischer Quatsch! Das Kind braucht Grenzen! Die Dame wird schon noch sehen, was sie davon hat, das Kind wird sich niemals in der Gesellschaft zurecht finden, wenn man ihnen nicht schon von klein auf Regeln beibringt! (Kommt euch bekannt vor? Prima, hört trotzdem mit dem Erziehen auf, euer Kind wird super werden, auf SEINE EIGENE Art und Weise!)

Irgendwie kam ich aber nicht mehr davon los, wie die Dame die Beziehung zu ihrem Kind beschrieb. DAS wollte ich auch, aber natürlich mit „ordentlichen“ Regeln. Nicht so blöd, wie sie das macht. (Info für mich selbst: Vorurteile sind scheiße! Echt! Muss ich lernen zu lassen.) Ich stellte bei Facebook einen Aufnahmeantrag für die Unerzogen-Gruppe. Ein paar Tage las ich mich einfach etwas ein, recherchierte weiter. Es klingt alles logisch. Kein Problem. Mit dem Kind in Beziehung gehen, das schaff ich. Wir sind ja schließlich schon in Beziehung: Wir sind Mutter-Tochter. Leider kommt es aber nicht auf die Art der Beziehung an, sondern auf die Qualität der Beziehung. Ich musste schmerzlich feststellen, dass die Beziehung zu meinem Metzger besser ist als zu meiner ältesten Tochter (mein Metzger und ich gehen respektvoll miteinander um, er weiß genau, was ich möchte und erwarte und ich weiß, was er möchte und erwarte und wir bekommen beide, was wir wollen.) Ich wollte jetzt (ja, JETZT, nicht morgen – jeder Tag mit Gewalt, egal ob physisch oder psychisch ist zu viel!) etwas ändern. Meine Kinder respektieren, also wirklich, nicht so „Pseudo-Respekt“, um anderen Menschen im Kaufhaus zu zeigen, was man für eine tolle Mutter ist. (Ihr kennt das, auf Augenhöhe mit dem Kind sprechen und erklären, dass es jetzt nicht noch die 486. Zeitung dieser Woche bekommt, um dann im Auto mit dem Kind zu schimpfen, weil es sich „schon wieder nicht“ an die Regeln gehalten hat.

Ich stellte den Wecker von 6:30 Uhr auf 5:45 Uhr, um genug Zeit zu haben für den ersten unerzogenen Morgen (vielen Dank an dieser Stelle für den Tipp aus der Gruppe!) und ging ins Bett. Am nächsten Morgen wollte ich eine andere Mutter sein, für meine Kinder. (So leicht ist das aber leider nicht, es gab und gibt hier immer wieder Rückfälle meinerseits, wir wissen aber mittlerweile, wie wir [bzw. wie ich] damit umzugehen haben).

Es geht also los. Ich wecke die 6-jährige; dass das Umziehen heute (mal wieder) lange dauert, ist nicht schlimm, wir haben durch mein früheres Aufstehen und das zeitigere Wecken ja kein Problem mit möglicher Unpünklichkeit. Ich decke den Tisch, während mir unsere Mittlere (zu der Zeit 16 Monate alt) immer zwischen den Beinen herum läuft. Ich lasse sie helfen, versuche ihr zu vertrauen, dass sie es ohne (größere) Unfälle schafft. Die Kleinste möchte Milch, mittlerweile ist die Große fertig und verwundert, dass sie für ihre „innere Ruhe“ noch keinen Ärger bekommen hat. Während ich stille und einhändig Frühstück und Pausenbrote herrichte, spielen die zwei anderen nachlaufen (dass wir dadurch Zeit verlieren, stört mich nach wie vor nicht). Die Kleine ist satt und liegt in ihrer Wippe neben uns, um beim Essen dabei zu sein. Die Große isst derweil am Boden, um die Jüngste zu bespaßen (wieso ich Essen am Tisch erwartete, ist mir mittlerweile nicht mehr klar, vermutlich, weil „sich das so gehört“). Die Kinder putzen noch ihre Zähne und ließen mich noch etwas nachputzen (FREIWILLIG! Ruhe am Morgen ist gut für JEDEN, auch für die Zähne). Wir brachen pünklich auf zum Kiga der Großen. Die Mittlere ging ohne Jacke (gut, mir wäre es zu kalt gewesen, aber bitte, sie IST kompetent genug für IHREN Körper, natürlich nahm ich die Jacke trotzdem mit, woher will sie wissen, was 4 Grad sind). Am Auto angekommen zog sie die Jacke freiwillig an (freiwillig, schon wieder! Unerzogen funktioniert und ist super einfach. Tolle Sache! – Denkste!)

Zum Mittagessen gab es Nudeln mit Soße. Anstelle von Essen erforschten meine Kids, ob Nudeln im Wasserglas schwimmen. Ich bot an, nach dem Essen eine Schüssel mit Wasser zu holen, um dem Entdeckerdrang nachgeben zu können. (Merke: wo Wasser bespielt wird, Handtücher und Wechselkleidung bereit halten.) Wir warfen gemeinsam verschiedenste Dinge aus dem Haushalt ins Wasser und wetteten, ob es schwimmen kann, oder nicht. (Hier als Alternatividee: nehmt die Badewanne, es sei denn, ihr habt eh vor zu putzen, dann könnt ihr prima das Wasser verwenden, welches [auf jeden Fall, egal wie sehr ihr aufpasst] überschwappt).

Ihre neuen Freiheiten genießend nutzten die zwei Älteren die Schüssel als „Badeschüssel“, wobei die Große zumindest ihre Kleidung auszog, die Mittlere hingegen machte die Erfahrung wie kalt, schwer und unangenehm nasse Kleidung sein kann (selbstverständlich inklusive Schuhe). Als Papa nach Hause kam, fand er ein Kind haarewaschend in Liegestützposition auf dem Wohnzimmerboden über einer riesen Salatschüssel mit Wasser vor. (Ja, Badezimmer werden überbewertet.) Zum Abendessen gab es Schokokornflakes mit Milch auf der Couch. (Wie bereits erwähnt, sind Esstische unnötig und die Couch sowieso viel gemütlicher. Cornflakes schmecken am Abend übrigens genauso gut wie morgens.) Nach der abendlichen „zu-Bett-geh-Routine“ gingen die Kids selbstbestimmt schlafen. Es war zwar später als sonst, aber ich fühle mich insgesamt den Tag über fitter, da ich nicht gegen die Kinder kämpfen musste, um meine ausgedachten Erziehungs-Regeln durchzusetzen. Ich hatte sogar Lust (ja, Freiwiligkeit auch von meiner Seite aus), den Kindern einen schönen Tagesabschluss zu bereiten und las ihnen etwas vor.

Ein wirklich toller Tag: Einfach, entspannt (ja, man muss zählen und atmen können, aber wer das schafft, der wird reich belohnt) und sehr schön. Leider sitzt meine eigene Erziehung tief und die sechs Jahre Erziehung bei meiner Tocher lassen sich nicht einfach abstellen (der Weg ist verdammt schwer, scheiß steinig und – wie im Labyrinth – gibt’s immer wieder Sackgassen, aber – wie sagt man so schön? – „der Weg ist das Ziel“.

Nach ein paar Wochen unerzogener „Erziehung“ fällt es mit weiterhin oftmals schwer, „in Beziehung“ zu bleiben. Unerzogen ist nämlich deutlich schwerer, als eine Regel einfach durchzusetzen und damit den Willen des Kindes zu brechen. Täglich schleppe ich Jacken selbst, die vorher immer am Kind waren, ständig bin ich für alle Eventualitäten vorbereitet (mit meiner Handtasche, der Wickeltasche und unserem Auto ist ein spontanes Auswandern ohne weiteres möglich). Jederzeit bin ich am Organisieren und Planen, weil die Bedürfnisse aller Familienmitglieder gleich viel wert sind und natürlich alle Beachtung finden sollen. (Meine Kreativität wächst von Tag zu Tag.) Unerzogen macht alles deutlich komplizierter, ist mit Mehraufwand verbunden und schafft ein wundervolles Verhältnis zu meinen Kindern. Aus diesem Grund (nur deshalb, aber das ist der beste Grund überhaupt) genieße ich meinen mittlerweile komplizierteren Alltag sehr. Die Beziehung zu meinen Kids ist es wert. SIE SIND ES WERT! Denkt öfter mal an eure Kinder und seht sie an. Seht sie RICHTIG an, nicht wie bisher von oben herab. Seht sie auf Augenhöhe, gleichberechtigt. Behandelt sie so, wie ihr gerne behandelt worden wärt. DER WEG IST ES WERT! SIE SIND ES WERT!

Herzlichst, eure

Jessica

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Gastautorin: Jessica

Unsere heutige Gastmama Jessica ist 27 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern, geboren 12/2010, 12/2015 und 02/2017, am Rande des Westerwaldes in Mittelhessen.

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